Menschliches Verhalten

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Einführung

Definition
Was bedeutet der Begriff „Menschliches Verhalten“? Wir, die Autoren, beschreiben „Menschliches Verhalten“ wie folgt:

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„Menschliches Verhalten“ ist Synonym für die Gesamtheit menschlicher Aktivität.
Dies umfasst bewusste, unbewusste, aktive sowie auch passive Handlungen bzw. Reaktionen.
Menschliches Verhalten steht immer im Bezug zu einer das Individuum umgebenden Umwelt.

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Jeder Mensch handelt innerhalb der eigenen Umwelt und reagiert auf sie. Es ist nicht immer offensichtlich, ob ein Mensch aus eigenen Motiven heraus handelt oder ob er auf Ereignisse des Umfelds reagiert. Die Grenzen zwischen „Handlung“ bzw. „Aktion“ und „Reaktion“ sind fließend. Die menschliche Welt in „Individuum“ und „Umwelt“ oder „Aktion“ und „Reaktion“ einzuteilen, ist ein hilfreiches (menschliches) Konzept, um die Welt um uns herum zu beschreiben. Dennoch sollten wir im Gedächtnis behalten, dass „Umwelt“ und „Individuum“ nicht voneinander getrennt sind. Sie sind miteinander verknüpft.

Im Rahmen der Diskussion um Gesellschaftssysteme, die anstreben, den Freiheitsradius eines jeden Einzelnen maximal auszudehnen (→ Werte), sehen wir, die Autoren, es als wichtig an, Ursache und Wirkung von verschiedenen Ausprägungen menschlichen Verhaltens zu hinterfragen.

Das menschliche Individuum in seiner Umwelt
Beginnen wir bei den Wechselbeziehungen zwischen einem Menschen und der sie bzw. ihn umgebenden Umwelt. Jedes Individuum existiert in dessen jeweiligen individuellen Umwelt. Doch was bedeutet der Begriff „Umwelt“?

Es gibt eine Vielzahl von Aspekten, die in ihrer Gesamtheit die Umwelt eines Individuums ausmachen. Zum Beispiel die physische Umwelt: Wir sind umgeben von verschiedensten lebendigen Dingen, wie Pflanzen, Tieren und Menschen sowie nicht-lebendigen Dingen wie Steinen, Möbelstücken, Häusern und technischer Ausrüstung. Wir können unsere physische Umwelt sehen, hören, schmecken, erfühlen oder riechen. Außerdem ist jedes Individuum von einer sozialen Umwelt umgeben, bestehend aus Individuen wie Freunden, Partnern, der Familie und fremden Menschen. Das Individuum nimmt in diesen unterschiedlichen sozialen Umfeldern verschiedene soziale Rollen ein. Oft finden wir uns auch in organisatorischen Umwelten wieder, in denen wir Verantwortung innerhalb von Teams und Hierarchien übernehmen. Darüber hinaus ist jedes Individuum von verschiedenen Weltsichten, Werten und Lebenseinstellungen umgeben. Diese spiegeln sich im Verhalten von Mitmenschen wider, und werden über Gesprächs- und Medieninhalte, sowie geschichtliche Dokumentation, Musik, Film, Kunst und generell die das Individuum umgebende Kultur wahrnehmbar. Weiterhin findet sich das Individuum in einer technologischen Umwelt wieder, bestehend aus Kommunikationstechnik, Maschinen (wie Autos, Computer und Fahrstühle), Straßen und Versorgungssystemen, sowie Konzepten darüber, wie man all diese Dinge einsetzt. Es gibt noch viele weitere Aspekte, die du zur Beschreibung deiner Umwelt ausmachen kannst. Wir, die Autoren, möchten verdeutlichen, dass wir ALLES meinen, was uns umgibt – physisch, mental, sozial, spirituell usw. -, wenn wir von „Umwelt“ sprechen.

Ein Individuum wird von dessen Umwelt in verschiedenster Weise beeinflusst: Klimatische Bedingungen, Wasser- und Nahrungsmittelangebot, Mitmenschen mit verschiedensten Erwartungen, oder Gesetze, die jeder einhalten soll. Alle Umwelteinflüsse haben ihren Anteil daran, wie wir fühlen, denken und folglich handeln. Unsere Umwelt beeinflusst uns.

Umgekehrt beeinflusst jedes Individuum seine bzw. ihre Umwelt in verschiedenster Art und Weise. Wenn ich zum Beispiel mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen durch die Straßen laufe, könnte es sein, dass ich eine positive Wirkung auf die mir begegnenden Menschen habe. Wenn ich jedoch mit hasserfüllten Augen durch die Straßen laufe, werde ich womöglich eine andere Wirkung auf diese Menschen haben. In Gesprächen haben wir die Wahl, ob wir eine Idee vorbringen oder sie zurückhalten wollen. Wir können mitbeeinflussen, auf welche Art und Weise technische Geräte und Prozesse entwickelt werden. Wir können anderen Menschen die Gestaltung der Gesellschaft in unserem Sinne überlassen, wir können selbst zu Gestaltern der Gesellschaft werden oder wir halten uns gänzlich aus dem gesellschaftlichen Gestaltungsprozess heraus. Jede Wahl, die ein Individuum trifft, beeinflusst ihre bzw. seine Umwelt. Tatsächlich ist jeder Mensch ständig damit konfrontiert, aus Optionen zu wählen.

In welchem Ausmaß ein Individuum seine bzw. ihre Umwelt beeinflussen kann, hängt stark von der persönlichen Lebenssituation des Individuums ab. Dies umfasst zum Beispiel ihre bzw. seine Gesundheit, eigenes Wissen und eigene Fähigkeiten, die eigene soziale Rolle und Reputation und die umgebenden Gesellschaftssysteme. Letztendlich kann aber folgende Aussage getroffen werden: Das Verhalten eines jeden Individuums beeinflusst, wie sich andere Individuen fühlen, worüber sie sich Gedanken machen und wie sie handeln. Da die Gesellschaft aus der Gesamtheit aller Individuen besteht, beeinflusst das Verhalten eines jeden Individuums folglich auch, wie die Gesellschaftssysteme aufgebaut sind und wie sie funktionieren.

Die Wechselwirkung verläuft also stets in beide Richtungen: Unsere Umwelt beeinflusst uns und wir beeinflussen unsere Umwelt.
Umwelt & Individuum

Wie wir werden, wer wir sind

Die Zeitleiste der Einflüsse
Über die gesamte Lebenszeit eines Individuums hinweg wird dieses Individuum durch die Wechselbeziehungen mit vielen Aspekten seiner, bzw. ihrer Umwelt beeinflusst. Diese Interaktion mit der Umwelt formt und prägt das Individuum in seiner Art und Weise mit der Umwelt zu interagieren. Alle Formen und Facetten der Einflüsse auf menschliches Verhalten in ihrer Gesamtheit aufzuzeigen, ist aufgrund ihrer Vielfältigkeit ein wahrscheinlich unmögliches Unterfangen. Im Folgenden wollen wir einen anschaulichen Überblick über die Vielfalt an Umwelteinflüssen geben, die menschliche Individuen und folglich deren Verhalten beeinflussen. Dazu stellen wir zunächst eine Grafik vor, die wir anschließend erläutern.
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Zeitachse - Meine EntwicklungsgeschichteDies ist eine Zeitleiste von Einflüssen. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt im Leben eines Menschen ist ihr bzw. sein Verhalten Folge des Zusammenspiels aller gegenwärtigen und aller vergangenen Einflüsse, die je auf diesen Menschen gewirkt haben. Die spezifischen Aktions- und Reaktionsmuster eines jeden Individuums sind die Folge der sich überlagernden Einflüsse, denen dieses Individuum über sein bzw. ihr gesamtes Leben hinweg ausgesetzt ist.

1 Genetik (Merkmale der Spezies und Veranlagungen)
Im Moment der Befruchtung vereinen sich die Gene der Mutter mit denen des Vaters und bilden den Bauplan eines neuen Menschen. Dieser Bauplan ist der genetische Code des Individuums – das Genom bzw. Erbgut. Wie auch jede andere uns bekannte Spezies auf der Erde ist das Erbgut eines jeden Menschen einzigartig (ausgenommen eineiige Zwillinge, deren Erbgut identisch ist). Da Gene die Baupläne eines Individuums sind, haben sie auch Einfluss auf die Wesenszüge eines Individuums. Wie intensiv ein Mensch Kälte und Wärme, Freude und Wut fühlt, oder wie anfällig sie bzw. er für bestimmte Krankheiten ist, hängt u.a. von ihrem bzw. seinem Erbgut ab. Das ist, was Veranlagung genannt wird: Die genetisch bedingte Tendenz zu bestimmten Eigenschaften oder Verfassungszuständen.

Es gibt spezifische Eigenschaften der Spezies Mensch, die im Erbgut kodiert sind, und die alle Menschen gemeinsam haben: Jeder Mensch lebt eine Balance zwischen Aktivität und Ruhe. Wir müssen atmen, essen und trinken, um unseren Körper mit Energie zu versorgen. Blut fließt durch unsere Adern, angetrieben durch den Rhythmus unseres Herzens. Unser hormonelles Gleichgewicht – das Gleichgewicht des Systems signalisierender Moleküle in unserem Körper – variiert kontinuierlich im Verlauf unseres Lebens und beeinflusst unseren Stoffwechsel, unsere Gemütszustände, Emotionen und Kreisläufe. Über vielschichtige Mechanismen koordiniert neuronale Aktivität die verschiedenen Zellen und somit Organe in unserem Körper und deren Funktion. Unsere Haut ist in der Lage mit Sonneneinstrahlung, Wind, Hitze und Kälte umzugehen. Diese und andere Merkmale der Spezies stellen die Grundlage des menschlichen Organismus dar und bilden somit die biologischen Rahmenbedingungen für die Interaktion mit unserer Umwelt. (A0)

2 Epigenetik
In einem Organismus gibt es sowohl aktive als auch inaktive Gensequenzen. Nur aktive Gensequenzen werden im Organismus umgesetzt, inaktive nicht. Der Epigenetische Mechanismus hat Einfluss auf die Aktivierung, bzw. Deaktivierung (A1). Ob Gensequenzen aktiviert oder deaktiviert werden, hängt davon ab, welche Umwelteinflüsse auf ein Individuum wirken. Wenn sich Umweltbedingungen ändern oder das Individuum seine Lebensweise (z.B. Wahl der Nahrungsmittel, Gewohnheiten, mentale Haltungen) ändert, kann sich auch dessen epigenetische Konfiguration ändern. Teile der epigenetischen Konfiguration eines Individuums werden sogar an die folgende Generation vererbt.

Ein bekanntes Beispiel für Auswirkungen epigenetischer Prozesse sind die Langzeitstudien mit Überlebenden des niederländischen “Hongerwinter” aus dem Jahre 1944: Kinder, deren Mütter während diesen Winters in einer bestimmten Phase der Schwangerschaft an Mangelernährung litten, zeigten höhere Fettleibigkeitsraten. Diese Effekte waren sogar teilweise in der dritten Generation präsent. Sie wurden vererbt.

3 Pränatale Phase
Die Entwicklung eines Menschen beginnt im Bauch der Mutter. In den neun Monaten pränatalen Wachstums ist der junge Mensch abhängig von der Gesundheit der Mutter. Sein bzw. ihr Wachstum ist beispielsweise stark von der Qualität des Wassers und der Nahrung abhängig, auf die die Mutter Zugriff hat. Das Wachstum und die Gesundheit des Fötus werden ebenfalls von der Art und Menge an Medikamenten, Alkohol und Drogen beeinflusst, die die Mutter konsumiert. Krankheitsphasen bzw. Phasen außergewöhnlicher Belastung der Mutter üben zusätzlich enormen Einfluss auf die pränatale Entwicklung des Fötus aus. Belastungen durch Geräusche und Lärm sowie Gifte und Strahlung, und inwieweit die Mutter Zugang zu medizinischer Versorgung nutzen kann, sind weitere Einflussfaktoren.

Die Gesamtheit aller Umwelteinflüsse beeinflusst die Gesundheit und den Körperbau des Fötus. Sie erzeugen erste Erfahrungen, die sich lange nach der Geburt in den Eigenschaften und Verhaltensmustern dieses Menschen widerspiegeln können.

4 Nahrung, Wasser und andere physische Gegebenheiten
Nach der Geburt befindet sich der junge Mensch in einer sehr andersartigen Umwelt und muss in dieser von nun an zurecht kommen. Damit sich der Mensch optimal entwickeln und entfalten kann, muss seine Umwelt die physischen Bedürfnisse des menschlichen Organismus nach lebenswichtigen Gütern wie Wasser, Nahrung, Sauerstoff und Sonnenlicht befriedigen.

Die regelmäßige Aufnahme von Wasser und Nahrung ist eine biologische Notwendigkeit eines sich entwickelnden Menschen. Der menschliche Körper besteht zu mehr als 70% aus Wasser. Wasser bildet die Basis menschlicher Körperflüssigkeiten und ermöglicht so den Transport von Sauerstoff, Nährstoffen und Botenstoffen. Nahrungsmittel versorgen den Organismus mit Nährstoffen wie Kohlenhydraten, Fetten, Eiweißen und Mineralien. Diese Nährstoffe ermöglichen es dem menschlichen Organismus, zu wachsen und zu gedeihen. Die Wasser- und Nahrungsmittelqualität ist einer der größten Einflussfaktoren auf die Gesundheit, Fitness und Krankheitsresistenz eines Individuums.

Leider gibt es Gegebenheiten, die die Entwicklung eines menschlichen Organismus bedrohen können. (Regelmäßig) der Belastung toxischer Chemikalien sowie extremer Lautstärke, Temperatur oder Strahlung ausgesetzt zu sein, gefährdet nicht nur die Gesundheit, sondern kann die Entwicklung eines Individuums erheblich stören.

5 Sozialisation
Einen sehr komplexen und sehr bedeutenden Einfluss stellt der Prozess der Sozialisation dar. Sozialisation beschreibt den aktiven und passiven Transfer von gesellschaftlichen Werten, Haltungen, Weltsichten, Erfahrungen, Konzepten, Wissen, Fertigkeiten und somit Verhaltensmustern auf das sich entwickelnde Individuum. Ein Individuum nimmt seine bzw. ihre Umgebung wahr und eignet sich folglich Gedanken und Verhaltensmuster ihrer bzw. seiner Mitmenschen an.

In frühen Entwicklungsphasen ist ein Kind sehr aufgeschlossen, unvoreingenommen, neugierig und dadurch empfänglich für Information. Aus diesem Grund ist ein Kind verletzlich. Da ein Kind seine ersten Erfahrungen durchlebt, akzeptiert es viele Dinge als gegeben. Deshalb haben Eltern, die Familie und generell das Umfeld, in dem das Kind aufwächst, einen erheblichen Einfluss auf die Persönlichkeit des Kindes. Zum Beispiel macht es einen Unterschied ob ein Umfeld laut, hektisch und aufreibend, oder ob es ruhig, entspannt und ausgeglichen ist. Es macht einen Unterschied, ob sich die Familie einem Kind zuwendet und versucht, Dinge zu erklären oder ob die Menschen im näheren Umfeld unzureichend für das Kind da sind, während sie wiederholt Regeln diktieren. Es macht einen Unterschied, ob sich ein Kind verstanden und sicher fühlt, oder allein und missverstanden.

Dies ist in späteren Entwicklungsphasen sehr ähnlich. Jetzt sind es zusätzlich Freunde, Bildungssysteme und Arbeitsumfelder, die das Individuum beeinflussen. Soziale Beziehungen, entwickeln sich und bewegen sich zwischen Gegen- und Miteinander, zwischen Verständnis und Missverständnis, zwischen Streit und Harmonie, zwischen Empathie und Ignoranz.

Darüber hinaus wirken auch gesellschaftliche Bewegungen, Institutionen, Traditionen und Gesetze auf das Individuum ein. Das Individuum lernt, was „wichtig“, was „erlaubt“, was „verboten“ ist und was „man erreichen muss“. Sie bzw. er lernt, wie man sich in bestimmten Situationen verhält, wer welche „Privilegien“ hat, wer eine „Autorität“ darstellt und vielleicht auch warum dies so ist.

Dabei wird das Verhalten eines Individuums in großem Umfang auch davon beeinflusst, welchen Freiheitsradius die derzeitige Organisationsstruktur der Gesellschaft ermöglicht bzw. erlaubt. Zum Beispiel entwickeln sich andere Verhaltensmuster, wenn gesellschaftliche Institutionen ein Individuum von Lösungsfindungsprozessen ausschließen als wenn seine bzw. ihre Verständnisse mit in diese Lösungsfindungsprozesse eingebunden werden. Wenn gesellschaftliche Organisation dazu führt, dass ein Individuum nur unzureichend Zugang zu Ressourcen hat, entwickeln sich andere Verhaltensmuster, als wenn ihm oder ihr Wissen, Waren und Unterstützung in Reichhaltigkeit zur Verfügung gestellt werden (→ Umgang mit Ressourcenknappheit). Des Weiteren können sich andere Verhaltensmuster entwickeln, wenn ein Individuum Möglichkeiten zur Selbstentfaltung durch den Zugang zu beispielsweise Bibliotheken, herausfordernden Aufgaben oder Trainings wahrnehmen kann, als wenn sie bzw. er keinen Zugang dazu hat.

6 Spiritualität
Spiritualität – die Suche nach Sinn, innerem Frieden, Geistlichkeit, Erklärung, Bewusstsein, Transzendenz, dem Kontakt zu einer höheren Ordnung, uvm. – übt einen bemerkswerten Einfluss auf das Verhalten vieler Individuen aus. Spiritualität ist ein großer, vielschichtiger, verschieden erklärter Begriff. Menschen setzen sich mit den verschiedensten Persönlichkeitstypen der Astrologie, verschiedensten Naturlehren, Traumdeutungen, Mystik, Tarot, Göttern, Energien, Auren, Ahnungen, Vorstellungen über die Herkunft der Menschen oder das Leben nach dem Tod, Eingebungen, Erscheinungen und vielen anderen Formen von Spiritualität auseinander. Spirituelle Themen haben oft gemein, dass sie zwar eher für den Geist als für den Verstand greifbar sind, jedoch eine so faszinierende Wirkung ausüben, dass sie Menschen bereichern und beflügeln können.

7 Tiefgreifende Lebenserfahrungen
Schließlich ist es der manchmal unvorhersehbar glückliche oder tragische Verlauf des Lebens selbst, der tiefgreifende persönliche Erfahrungen mit sich bringt (z.B. der plötzliche Tod eines Familienmitglieds, das unerwartete Wiedertreffen eines längst vergessenen Freundes oder die perfekte Gelegenheit zur rechten Zeit), welche ein Individuum und folglich dessen Verhalten über das gesamte Leben hinweg beeinflussen.


Wahrnehmung
Viele der erläuterten Einflüsse können als Umweltsignale beschrieben werden. Diese Umweltsignale verursachen Reaktionen des Individuums bzw. Reaktionen innerhalb dessen Organismus. Solch eine Reaktion kann biochemisch, neuronal, mental, physisch oder jeder anderen Art sein. Häufig ist solch eine Reaktion jedoch ein Zusammenspiel mehrerer dieser Reaktionsarten.

Wir alle haben Sinne, mit deren Hilfe wir uns selbst und die Signale aus unserer Umwelt erfassen können. Dies ist der Beginn des als Wahrnehmung bezeichneten Prozesses. Wahrnehmung ist jedoch nicht nur die Aufnahme von Signalen durch unsere Sinne. Sie ist außerdem der Prozess unseres Organismus, diese Signale zu filtern und zu kategorisieren, um sie in ein aus Sicht des Organismus sinnvolles Gesamtbild einzufügen. Über die Entwicklungsgeschichte des Individuums hinweg formen und prägen sich auf diese Weise dessen Haltungen, Meinungen und Überzeugungen. Bewusst wie unterbewusst bilden sie die Grundlage dafür, wie wir die von uns erfassten Signale in „wichtig“ oder „unwichtig“, „gut“ oder „schlecht“, „wahr“ oder „falsch“, „vertrauenswürdig“ oder „verdächtig“, „normal“ oder „seltsam“, und viele weitere Kategorien der Unterscheidung unterteilen.

Die Zusammensetzung und zeitliche Abfolge von Einflüssen bzw. von Umweltsignalen, die über den gesamten Lebenszeitraum auf einen Menschen einwirken, ist für jedes Individuum verschieden. Folglich hat jedes Individuum eine sehr persönliche Wahrnehmung der eigenen Umwelt. Jedes Individuum nimmt dasselbe Umweltsignal anders wahr und reagiert deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr unterschiedlich in ähnlichen Situationen und Umgebungen.

Die Wahrnehmung von Umweltsignalen ist nicht nur für jedes Individuum verschieden, sie kann sich auch verändern. Passt eine Erfahrung ins Gefüge der Haltungen, Meinungen und Überzeugungen des Individuums, wird dieses Gefüge bestätigt. Passt eine Erfahrung nicht hinein, kann dies zur Irritation des Individuums führen. Unterbewusst oder bewusst versucht das Individuum entweder, die Erfahrung doch mit dessen Haltungen, Meinungen und Überzeugungen in Einklang zu bringen, sie als Unverständnis vorerst beiseite zu legen, sie zu ignorieren oder das Gefüge aus Haltungen, Meinungen und Überzeugungen zu verändern.

Setzen wir uns also anderen Einflüssen aus, können wir neue Erfahrungen machen. Durch neue Erfahrungen können sich unsere Haltungen, Meinungen und Überzeugungen verändern. Diese Veränderung hat Einfluss auf unsere Unterteilung der Welt in Kategorien wie „wichtig“ oder „unwichtig“, „gut“ oder „schlecht“, „wahr“ oder „falsch“, „vertrauenswürdig“ oder „verdächtig“, „normal“ oder „seltsam“. Verändert sich unsere Sicht auf die Welt verändert sich unsere Wahrnehmung.

Verhalten: Das Produkt der Einflüsse
Die Veranlagungen im Zusammenspiel mit der Entwicklungsgeschichte eines Individuums führen zur jeweiligen momentanen körperlichen und mentalen Verfassung, in der sich dieses Individuum befindet. Dabei ist weder unser mentaler, noch unser körperlicher Zustand statisch. Die verschiedenen Kreisläufe, biologischen Mechanismen, energetischen Flüsse und alle anderen Aspekte in unserem Körper, Geist und gesamten Organismus sind in kontinuierlichem Wandel und führen permanent zu neuen Konstellationen an momentanen körperlichen und mentalen Zuständen. Zum Beispiel kann es sein, dass du aufgrund von Veränderungen in deinem Hormonhaushalt eben noch fröhlich, aber von einem Moment auf den anderen frustriert wirst, obwohl sich die Umwelt, in der du dich befindest, nicht verändert hat. Oder: Während du einer dir unangenehmen Tätigkeit nachgehst, entsteht plötzlich aus dem Nichts ein Gedanke, der dich beschwingt und glücklich macht.

Wie dem auch sei, das Verhalten eines Individuums ist die direkte Folge dieses momentanen körperlichen und mentalen Zustands im Zusammenspiel mit den aktuellen Umweltgegebenheiten zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Umwelteinflüsse prägen und formen das Individuum nicht nur über seine Entwicklungsgeschichte hinweg, sondern stellen außerdem die Umstände dar, mit denen dieses Individuum zu jedem Zeitpunkt konfrontiert ist. Deshalb ist es fundamental, die Bedeutung und individuelle Auswirkung von Umwelteinflüssen zu verstehen, um das Verhalten von (Gruppen von) Individuen nachvollziehen zu können.

Die Perspektive des Individuums

Frage: Warum ist es wichtig, Ursache und Wirkung der zuvor genannten Umwelteinflüsse zu verstehen? Betrachten wir das Ganze aus der Perspektive des Individuums:

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Jeder Mensch strebt nach persönlicher Zufriedenheit (→ Grundlegende Verständnisse).

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Zufriedenheit
Zufriedenheit ist ein angenehmer Gemütszustand. Du fühlst dich gut, weil du dich fröhlich, behaglich, stolz, sicher, geborgen oder auf andere Weise wohl fühlst. Zufriedenheit kann sich auch einstellen, wenn du dich in deiner derzeitigen Lebenssituation wohlfühlst, trotz oder wegen der Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt. Ein Mangel an Zufriedenheit erzeugt hingegen unangenehme Gefühle.

Das Streben nach Zufriedenheit – geplant oder spontan, geduldig oder euphorisch, bewusst oder unterbewusst – bedeutet, Situationen und Umstände zu schaffen, die diesen angenehmen Gemütszustand hervorrufen. Wir, die Autoren, denken, dass jedes Individuum zu jedem Zeitpunkt ihrer bzw. seiner Existenz versucht, persönliche Zufriedenheit herbeizuführen. Folglich scheint die stärkste Kraft in der Entwicklung der Verhaltensweisen eines Individuums das Streben nach persönlicher Zufriedenheit zu sein. Wir Menschen versuchen stets, den aktuellen Grad unserer Zufriedenheit zu halten oder unsere Zufriedenheit zu steigern. Das Verhalten eines Individuums resultiert in jeder beliebigen Situation aus seinen bzw. ihren Erfahrungen darüber, wie dies zu erreichen ist.

Menschliche Bedürfnisse
Persönliche Zufriedenheit kann durch die Befriedigung von Bedürfnissen erreicht werden. Der Begriff „Bedürfnis“ beschreibt das Verlangen nach einer bestimmten Qualität des Lebens. Bedürfnisse können erfüllt oder nicht erfüllt sein. Sie grenzen sich ab von konkreten Handlungen und sind unabhängig von Zeit und Raum sowie anderen Individuen.

Die Spanne menschlicher Bedürfnisse ist unglaublich umfangreich und vielfältig. Menschen haben – um nur einige zu nennen – das Bedürfnis nach Vitalität, Gesundheit, Bewegung, , Erholung, Sicherheit, Geborgenheit, Stabilität, Unterstützung, Vertrauen, Wärme, Nähe, Harmonie, Freude, Verbundenheit, Sexualität, Liebe, Anerkennung, Kontakt, Austausch, Empathie, Akzeptanz, Wertschätzung, Teilhabe, Gemeinschaft, Entwicklung, Selbstentfaltung, Autonomie, Bedeutung und Sinn. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Bedürfnisse, nach deren Befriedigung sich ein Mensch sehnen könnte.

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Jegliche Handlung eines Individuums dient der Befriedigung eigener Bedürfnisse.

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Jegliche Aktionen und Reaktionen eines Menschen sind versuchte Strategien, die erfolgreich, teilweise erfolgreich oder erfolglos zur Befriedigung eigener Bedürfnisse beitragen können. Sie entspringen dem derzeitigen Erfahrungsschatz bzw. der persönlichen Wahrheit (→ Grundlegende Verständnisse) des Individuums und werden ständig entwickelt, verfeinert oder verworfen. Das geschieht sowohl bewusst als auch unterbewusst (→ Die Wissenschaftliche Denkweise).

Eine einzige Handlungsweise kann dabei zur Erfüllung von mehr als nur einem Bedürfnis dienen. Klettert ein kleiner Junge beispielsweise auf einen Baum, erfüllt er sich damit eventuell gleichzeitig die Bedürfnisse nach Abenteuer, Bewegung, Spiel und Aufmerksamkeit.

Umgekehrt kann ein einziges Bedürfnis stets durch verschiedenste Handlungsweisen erfüllt werden. Zum Beispiel könnte der kleine Junge sich das Bedürfnis nach Bewegung auch beim Fußball-, Tischtennisspielen oder Schwimmen stillen.

So handeln auch verschiedene Menschen verschieden, um sich z.B. das Bedürfnis nach Nähe zu befriedigen: Der eine möchte reden, eine andere gemeinsam einen Film schauen, ein dritter knutschen und kuscheln.

Manche Bedürfnisse sind für ein Individuum dringlicher, andere weniger dringlich. Zum Beispiel erfüllen sich manche Menschen zunächst das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung bevor sie sich dem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Verantwortung widmen (können). Für andere wiederum ist es genau umgekehrt: Für sie sind die Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Verantwortung von höherer Priorität als z.B. die Bedürfnisse nach Nahrung, Rast oder Selbstentfaltung. Diese Wertigkeiten sind nicht nur für jeden Menschen verschieden, sie verändern sich auch ständig. (B1)

Das Verhalten – sprich Aktionen und Reaktionen – mehrerer Individuen kann in Konflikt miteinander stehen. Das bedeutet nicht, dass die Bedürfnisse dieser Individuen im Konflikt stehen. Es sind ausschließlich die gewählten Strategien zur Befriedigung der Bedürfnisse, die in Konfliktfällen kollidieren. Zur Erreichung des Ziels von Gesellschaft (→ Werte) ist es daher hilfreich, wenn Individuen in der Lage sind, ihre Handlungen zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen.

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Je höher der eigene Grad an Zufriedenheit,
desto eher kann ein Individuum die Erfüllung eigener Bedürfnisse
mit der Erfüllung der Bedürfnisse anderer in Einklang bringen.

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Je besser ein Individuum persönliche Bedürfnisse befriedigen kann und je tiefgreifender sich die Zufriedenheit eines Individuums gründet, desto eher ist es in der Lage, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, mit diesen Menschen in Kontakt zu treten und eigenes Verhalten zu reflektieren. Dafür ist es wichtig, dass Individuen in der Lage sind, sich gegenseitig ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Nur wenn Individuen die Bedürfnisse der jeweils anderen kennen, können alle miteinander die Befriedigung ihrer Bedürfnisse in Einklang bringen.

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Je höher der Grad an persönlicher Zufriedenheit der einzelnen Individuen,
– und je besser ihre Kommunikation zum gemeinsamen Bewusstsein ihrer Bedürfnisse beiträgt –
desto eher ist die Kultur ihrer Gesellschaft von Harmonie und Synergie geprägt.

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Deshalb ist die Unterstützung eines jeden einzelnen Individuums essenziell, um das Ziel von Gesellschaft zu erreichen (→ Werte). Dies betrifft die Unterstützung bei der Befriedigung ihrer persönlichen Bedürfnisse sowie bei der Kommunikation zum gegenseitigen Austausch über diese.

Unterstützende Umwelt
Welche Art von Umwelt würde ein Individuum (bzw. eine Gruppe von Individuen) bei der Befriedigung von Bedürfnissen und somit beim Erreichen von persönlicher Zufriedenheit unterstützen?

Da jedes Individuum nach persönlicher Zufriedenheit strebt, würde eine optimale Umwelt jedes einzelne Individuum so ganzheitlich wie möglich unterstützen. In einer unterstützenden Umwelt würde ein Individuum, das eine Frage stellt, Antworten erhalten oder die nötige Unterstützung, um diese Antworten zu finden. Ein Individuum, welches Trinkwasser benötigt, würde direkt damit versorgt werden, oder die notwendigen Mittel zur Trinkwassergewinnung erhalten. Wenn ein Individuum ein Vorhaben in die Tat umsetzen will, versorgt eine unterstützende Umwelt sie bzw. ihn mit dem Zugang zu Wissen, Schulungen, sowie Kontakt zu Personen, die ähnliche Vorhaben oder nützliche Expertise anbieten (→ Bildung). Möchten mehrere Individuen den Austausch über ihre Bedürfnisse angenehmer, effizienter oder erfüllender miteinander gestalten, bietet eine Unterstützende Umwelt Zugang zu einer Reihe hilfreicher Kommunikationstechniken. Im Fall eines Konfliktes stellt solch eine Umwelt Methoden bereit, um gewaltfreie, lösungsorientierte Kommunikation zu ermöglichen, damit der aktuelle Konflikt gelöst und das Aufkommen künftiger Konflikte vermieden werden kann (→ Die Wissenschaftliche Denkweise).

Nicht-Unterstützende und Feindselige Umwelt
Welche Umwelt würde ein Individuum (bzw. eine Gruppe von Individuen) andererseits daran hindern, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und folglich davon abhalten, persönliche Zufriedenheit zu erlangen?

Eine nicht-unterstützende Umwelt stellt weder Unterstützung, Fürsorge noch Rat bereit. Für ein einzelnes Individuum ist es beschwerlicher, für die Befriedigung ihrer bzw. seiner persönlichen Bedürfnisse zu sorgen. Das Individuum ist auf sich allein gestellt. In einer feindseligen Umwelt wird dem Individuum dazu noch Unterstützung verweigert. In extremen Fällen wird es sogar missbraucht und misshandelt.

Stellt ein Individuum in einer nicht-unterstützenden Umwelt eine Frage, erhält es keine Antwort, wird nicht verstanden geschweige denn gehört. Eine feindselige Umwelt reagiert sogar mit Verurteilung, Verletzung und Bestrafung. Benötigt ein Individuum Trinkwasser, muss es allein dafür sorgen. Eventuell wird es sogar aktiv daran gehindert, an Möglichkeiten zur Trinkwassergewinnung zu gelangen. Will ein Individuum ein Ziel in die Tat umsetzen, muss es sich ohne jegliche Hilfsmittel eigenes Wissen und Fähigkeiten aneignen. Der Kontakt zu anderen Personen ist schwierig oder gar unmöglich. Die Lösung von Konflikten wird nicht unterstützt. In einer feindseligen Umwelt werden sie sogar geschürt. Dabei wird die Verantwortung dem Individuum zugeschrieben, welches sich mit Schuld- und Schamgefühlen allein gelassen sieht.

Unterstützende Umwelt

Feindselige Umwelt

Feindselige Umwelt

Unterstützende vs. Feindselige Umwelt
Ein Individuum kann persönliche Ziele in einer unterstützenden Umwelt sehr viel angenehmer und effizienter erreichen als in einer nicht-unterstützenden Umwelt. Je mehr Möglichkeiten einem Individuum zur Erreichung persönlicher Ziele zur Verfügung stehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieses Individuum diese Ziele tatsächlich erreicht und desto weniger Gründe gibt es für sie bzw. ihn, sich destruktiv zu verhalten. Ausgestattet mit allerhand Mitteln und Methoden wäre das Individuum befähigt, eigene Ambitionen auf einfache Art und Weise mit dem eigenen Umfeld zu harmonisieren. Das Gefühl oder das Bewusstsein darüber, in einer unterstützenden Umwelt zu leben, fördert das Vertrauen in diese Umwelt. Dieses Vertrauen kann zu Verhalten führen, das diese Umwelt pflegt und unterstützt: „Ich kann meine Bedürfnisse durch die Erfahrungen, das Wissen und die Fähigkeiten meiner Mitmenschen bzw. den vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen und Organisationsformen umfassender befriedigen, als ohne diese.“

In einer feindseligen Umwelt hingegen empfindet ein Individuum einen Mangel an Unterstützung und sieht daher wahrscheinlich keinen Anlass – oder ist einfach nicht in der Lage -, eigene Vorhaben mit dem Umfeld zu harmonisieren. Mangelnde Unterstützung, Misshandlung oder Missbrauch, wird im Individuum vermeintlich Gefühle wie Angst, Wut, Frustration, Verzweiflung, Ohnmacht oder Aggression erzeugen. Wenn solche Gefühle von der Umwelt des Individuums unbemerkt bleiben oder ignoriert werden, können sie Verhaltensweisen hervorrufen, die andere Individuen behindern oder verletzen bzw. gesellschaftliche Strukturen und Prozesse stören, schädigen oder zerstören. Solche Empfindungen werden in Umfeldern provoziert, in denen Barrieren, Mauern, Regeln, Gesetze oder Menschen permanent die Befriedigung der Bedürfnisse des Individuums be- und verhindern. Dies heißt zusätzlich, dass ein Individuum, welches sich nicht willkommen, nicht unterstützt, oder sogar ausgeschlossen fühlt, womöglich kaum noch Motivation verspürt, zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen, bzw. keine Möglichkeiten dafür sieht. Das wiederum bedeutet, dass alle anderen Individuen nicht von den Entwicklungen profitieren werden, die dieses Individuum eventuell angestoßen hätte (→ Werte).

Wie Individuen mit der Umwelt interagieren
Im Großen und Ganzen gibt es zwei Möglichkeiten, wie sich Menschen in ihrer Umwelt zurechtfinden. Beide werden sowohl bewusst als auch unterbewusst gewählt. Die erste Möglichkeit ist, sich an seine Umwelt anzupassen. In diesem Fall passt ein Individuum Mentalität, Strategien zur Befriedigung von Bedürfnissen, Physiologie und folglich die eigenen Verhaltensmuster den gegebenen Umständen an. Die zweite Möglichkeit eines Menschen, in seiner Umwelt zurecht zu kommen, ist, sie so zu verändern und zu formen, dass sie den eigenen Bedürfnissen entspricht.

Wir Menschen nutzen stets beide Wege, um in unserer Umwelt zurecht zu kommen. Wir nutzen eine Mischung aus Anpassung an die Gegebenheiten unseres Umfelds einerseits und Gestaltung jener Gegebenheiten andererseits. Wir wählen die eine oder andere Option – oder wir finden einen Mittelweg –, indem wir auf unsere Erfahrungen zurückgreifen, um zu entscheiden, welche Option uns am meisten nützt.

Ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen sollten ihre Umwelt nicht so gestalten, dass daraus feindselige Umwelten für andere entstehen. Muss sich ein Individuum an eine feindselige Umwelt anpassen, könnte dies Verhalten hervorbringen, das wiederum schädlich für andere ist.

Gesellschaftlicher Wandel

Von feindseligen zu unterstützenden Umwelten
Mit Blick auf das Ziel von Gesellschaft (→ Werte) ist es folglich notwendig, die Entstehung von Gegebenheiten zu vermeiden, die schädliches Verhalten provozieren. Daher sollte es bei gesellschaftlichem Wandel darum gehen, existierende nicht-unterstützende oder sogar feindselige Umwelten in unterstützende Umwelten zu wandeln, in denen jeder Mensch in der Lage ist, so frei und einfach wie möglich Zufriedenheit anzustreben.

Bedürfnisorientierte Gestaltung (Needs Based Design)
Und hier kommen die Gesellschaftssysteme ins Spiel: Gesellschaftliche Strukturen sollten zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse konzipiert sein. Sie sollten demnach so gestaltet sein, dass sie unterstützende Umwelten für alle Individuen hervorbringen. Gesellschaftliche Strukturen sollten Individuen nicht dazu bringen, aufgrund der Starrheit selbiger Strukturen mit den Systemen in Konflikt zu geraten. Stattdessen sollten sich gesellschaftliche Strukturen permanent an sich verändernde Bedürfniskonstellationen anpassen.

Den Entwicklungsprozess gesellschaftlicher Strukturen, die sich den jeweils aktuellen Bedürfnissen aller Individuen annehmen können – wobei momentanes Wissen und Technologie sinnvoll angewendet werden – nennen wir Bedürfnisorientierte Gestaltung. Die Bedürfnisorientierte Gestaltung der Gesellschaftssysteme muss zu einer Kultur gesellschaftlichen Austauschs und Lernens führen, damit das gegenseitige Bewusstsein über unsere Bedürfnisse steigt. Diese Kultur würde die Grundlage zur Entwicklung geeigneter Strukturen und Organisationsformen bilden (→ Wissenschaftliche Denkweise), um das Ziel von Gesellschaft zu erreichen. Gesellschaftssysteme auf der Basis unserer Bedürfnisse zu gestalten, würde es jedem Individuum ermöglichen, zu wachsen und sich zu entfalten und somit das Potenzial für gegenseitige Fürsorge innerhalb der Gesellschaft zu stärken und auszuweiten.

Um das Konzept der Bedürfnisorientierten Gestaltung erfolgreich umzusetzen, ist Technologie (Methoden und Werkzeuge) nötig, die es uns ermöglicht, die Komplexität gesellschaftlicher Zusammenhänge, Probleme und Konflikte zu erfassen und zu bewältigen (→ Technologie). Zum Beispiel ist es für gesellschaftliche Institutionen und Repräsentanten unabdingbar, Einblick in die Bedürfnisse der Individuen zu haben, die sie vertreten. Deshalb würde die Etablierung von Nachfrage-Übersichts-Systemen (→ Umgang mit Ressourcenknappheit) als Orientierungshilfe von enormer Bedeutung sein. Mit deren Hilfe könnten Individuen kommunizieren, welche ihrer Bedürfnisse zur Zeit nicht erfüllt sind, bzw. welche Ressourcen sie benötigen. Mit diesen umfangreichen Informationen könnten interdisziplinäre Teams von Gesellschaftsentwicklern (Anthropolog_innen, Soziolog_innen, Biolog_innen, Psycholog_innen, Planer_innen und Organisator_innen, Architekt_innen, Ingenieur_innen, Mediziner_innen, Techniker_innen, Pädagog_innen, Koordinator_innen, Konfliktberater_innen, usw.) Mechanismen entwickeln, die die Koordination der Befriedigung der Bedürfnisse aller Individuen ermöglicht. Der Entwicklungsprozess sollte dabei alle beteiligten und interessierten Individuuen so weit wie möglich einschließen. Optimaler Weise bestünden diese Teams aus genau jenen Individuen, die diese Mechanismen später nutzen wollen.

Auf individueller Ebene bedeutet Bedürfnisorientierte Gestaltung:

  • eigene Wünsche zu hinterfragen, um die wahren Bedürfnisse hinter jedem Begehren zu ergründen
  • der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse nachzugehen
  • zu erkennen, wo die Vorgehensweise zur Befriedigung eigener Bedürfnisse mit der Vorgehensweise anderer Individuen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse in Konflikt steht
  • empathisch und gewaltfrei zu kommunizieren, um die Befriedigung der Bedürfnisse aller Beteiligten zu ermöglichen
  • aufgeschlossen zu sein, für die enorme Spanne an Möglichkeiten und potenziellen Alternativen, die uns zur Verfügung stehen oder entwickelt werden können

Wenn Individuen in der Lage sind, ihre eigenen Bedürfnisse klar zu identifizieren und sich so ausdrücken können, dass andere ihre Bedürfnisse verstehen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Konflikte eskalieren. Die Offenlegung von Bedürfnissen ist eine essenzielle Voraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung von Konflikten. Die Auseinandersetzung mit diesen Konflikten muss dann keine emotionale Konfrontation bedeuten, sondern kann auf Basis der offengelegten Bedürfnisse einen gemeinsamen Lösungsprozess darstellen. Konfrontationen, bei denen die wahren Bedürfnisse der beteiligten Parteien hinter Vorwürfen und Rechtfertigungen verborgen bleiben, können langwierig und (emotional) kräftezehrend sein. Gelingt es, derartige Konfrontationen zu vermeiden, indem Konflikte bedürfnisorientiert gelöst werden, verringert sich das Stressaufkommen und lässt Raum für das Streben nach persönlicher Zufriedenheit.

Wir Menschen brauchen flexible Gesellschaftssysteme und Kommunikationsformen, die uns optimal darin unterstützen, die Befriedigung unser aller Bedürfnisse zu koordinieren (→ Umgang mit Ressourcenknappheit).

Persönliche Verantwortung
Jedes einzelne Individuum ist Teil der Umwelt eines jeden anderen. Wenn es Dir wichtig ist, dazu beizutragen dem Ziel von Gesellschaft (→ Werte) näher zu kommen, ist es deine Verantwortung, nicht feindselige Umwelt für andere zu sein. Du trägst Verantwortung dafür, deiner Umwelt gegenüber achtsam zu sein, um erkennen zu können, ob deine Strategien zur Befriedung deiner Bedürfnisse, und somit deine Verhaltensweisen, anderen eventuell schaden. Ab dem Moment der Erkenntnis über dein Verhalten besteht deine Verantwortung darin, deinen gesamten Freiheitsradius zur Lösung aufkommender Konflikte mit dir selbst und zwischen dir und anderen zu nutzen. Nutze die dir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, mit deinen Mitmenschen und Konfliktpartnern in Kontakt zu treten. Du bist mit dafür verantwortlich, keine Umstände zu schaffen, die dich oder andere Individuen dazu veranlassen, auf Verhaltensweisen zurückzugreifen, die dich oder andere schädigen bzw. verletzen.

Überlappende, individuelle Umwelten

–– Ein Vergleich mit unserer heutigen Gesellschaft (2016) –-

Nicht-unterstützende Umwelten in unserer heutigen Gesellschaft
In unserer heutigen Gesellschaft gibt es viele Umstände, die zur Entstehung von nicht-unterstützenden und feindseligen Umwelten beitragen. Im Folgenden benennen wir einige Beispiele dieser Umstände:

  • Krieg und Umweltverschmutzung machen viele Teile der Erde zu gefährlichen Orten,
  • viele Kinder auf der ganzen Welt wachsen in Umfeldern auf, die sie körperlich sowie psychisch stark belasten,
  • Bildungssysteme und Arbeitsumfelder sind selten an menschliche Interessen und Bedürfnisse angepasst (z.B. zu große Klassen bzw. Lerngruppen, Mangel an individuell unterstützenden Bildungsangeboten, zu wenige Selbstenfaltungsmöglichkeiten, Anwesenheitspflicht),
  • das Verhältnis zwischen eigenen Aufgaben und Ruhezeiten wird meist von anderen bestimmt,
  • keinen oder zu wenig Einfluss auf Lösungsfindungsprozesse und Entscheidungen,
  • Angst und Kontrolle dominiert Vertrauen,
  • Isolation und Unterdrückung von Minderheiten.

Diese Umstände können verschiedenste Auswirkungen auf ein Individuum haben. Es ist nicht unüblich, dass Individuen innerhalb der derzeitigen globalen Gesellschaft das Gefühl haben

  • dass „Führungskräfte“ und Regierungen nicht offen kommunizieren oder absichtlich falsch informieren,
  • dass die heutige Politik und Wirtschaft nicht nach Frieden auf der Welt und Harmonie mit den Ökosystemen strebt,
  • gestresst und überlastet zu sein,
  • von lokalen, regionalen, nationalen und globalen politischen und wirtschaftlichen Systemen missachtet, ausgenutzt und bedroht zu werden,
  • von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein,
  • dass einige ihrer Mitmenschen sie nicht wahrnehmen, ihnen nicht zuhören, sie nicht anerkennen und nicht verstehen

Nicht-unterstützende und feindselige Umwelten bringen Menschen dazu, sich diesen Umwelten zu entziehen oder sich gegen diese aufzulehnen. Beispiele dessen sind Trennung und Streit in Familien, Freundesbeziehungen, Partnerschaften oder Arbeitsverhältnissen. In einem größeren gesellschaftlichen Rahmen ist dies erkennbar, wenn Menschen protestieren, streiken oder boykottieren. Unruhen, Anschläge, Amokläufe und Terrorismus sind einige der extremsten Formen des Kampfes gegen feindselige Umwelten. Solche gesellschaftlichen Symptome sind NICHT die Folge eines natürlichen Antriebs „böser“ Menschen und Kulturen, andere zu schädigen und zu zerstören. Solche gesellschaftlichen Symptome entstehen, wenn (Gruppen von) Individuen nicht-unterstützenden und feindseligen Umwelten ausgesetzt sind. Heutzutage werden diemeisten nicht-unterstützenden bzw. feindseligen Umwelten durch die Konsequenzen des Wettbewerbs um Ressourcen verursacht.

Wettbewerb
Über die gesamte Geschichte der Menschheit hinweg gab es Zeiten, in denen Knappheit eine vorherrschende, prägende Erfahrung vieler Individuen war. Die Produkte, die die Menschen herstellten, waren deshalb sehr wertvoll für sie. Sie entwickelten Methoden, um ihre Waren und Dienstleistungen anderen anzubieten, damit sie wiederum Zugang zu anderen Waren und Dienstleistung erhielten, mit denen sie ihre Bedürfnisse befriedigen konnten.

Wenn Waren und Dienstleistungen in Größenordnungen angeboten werden, die die Nachfrage übersteigen, wird es schwierig, diese zu tauschen oder zu verkaufen. Folglich treten mehrere Parteien, die die selbe Ware oder Dienstleistung anbieten, in Konkurrenz miteinander. Und genau das ist passiert.

In der heutigen Gesellschaft können wir Wettbewerb auf vielen Ebenen erkennen. Es ist normal für uns, miteinander im Wettbewerb zu stehen. Es gibt Wettbewerb zwischen Individuen, zwischen Unternehmen und selbst Staaten konkurrieren miteinander im Wettlauf um Ressourcen. Diejenigen, die nicht in der Lage sind, mit ihrer Konkurrenz mitzuhalten, haben wenig oder gar keinen Zugang zu Ressourcen. Demzufolge haben viele Menschen Angst, ihren etablierten Status zu verlieren. Aus selbigen Gründen tendieren Politiker_innen innerpolitisch eher zu Konkurrenz als zu Kooperation. All diese Umständebehindern, dass wir nachhaltige und ganzheitliche Lösungen durch Kooperation hervorbringen und schaffen ein riesiges Hindernis auf dem Weg zum Ziel von Gesellschaft (→ Werte).

Des Weiteren gibt es andere sehr destruktive Eigenschaften, die Wettbewerb mit sich bringt. Zum Beispiel geht Wettbewerb oft damit einher, anderen die Nutzung von Informationen oder Ideen zu verbieten, die einen Vorteil für die Konkurrenz darstellen könnten. Das kann man wunderbar im Patentsystem sehen. Menschen benötigen Informationen und Ideen, aber für viele ist der Zugang zu diesen oft nicht erschwinglich. Schlimmer noch: In den meisten Fällen geht Wettbewerb damit einher, Informationen voreinander zurückzuhalten, damit „mein (finanzieller) Vorteil mein alleiniger Vorteil bleibt“. Dies bedeutet aber auch, dass „meine Ideen“ nicht von jemand anderem weiterentwickelt werden können. Folglich kann eine unvorstellbar große Menge an Innovationen und Problemlösungsprozessen, die in dieser Welt erfolgen könnten, nicht stattfinden, weil Ideen und Konzepte nicht umfangreich geteilt werden.

Der durch den Wettbewerb erzeugte Zwang, schneller und billiger gegenüber aktuellen Normen zu sein, führt zu neuen Normen, die dazu zwingen, noch schneller und billiger zu werden. Um Geld zu sparen, stellen Arbeitgeber oft weniger Personal ein, erwarten aber, dass dieses reduzierte Personal mehr Arbeit erledigt. Das führt dazu, dass weniger Menschen einen bezahlten Job haben, was wiederum zu enormen Spannungen innerhalb unserer heutigen globalen Gesellschaft führt: Menschen mit bezahltem Job haben oft wenig Zeit, müssen aber gleichzeitig riesige Arbeitspensen bewältigen. Hingegen leiden andere Menschen ohne oder mit nur geringfügig bezahlten Jobs unter großem existenziellem Druck, mit keinem oder wenig Einkommen über die Runden kommen zu müssen. Dazu begleitet sie oft das Gefühl, nicht beitragen zu dürfen bzw. zu können.

Zusätzlich kann Wettbewerb Korruption fördern – und tut dies oft auch. Man muss einen starken Charakter haben, um nicht zu versuchen, „die Regeln zu seinen Gunsten zu beugen“, um irgendeine Art Vorteil zu haben. Die Versuchung, zu „unfairen Mitteln“ zu greifen, um seinen Konkurrenten auch nur ein wenig voraus zu sein, ist stets präsent. Egal, wie viele Regeln und Regulationen von der Gesellschaft dagegen auferlegt werden: Es bleibt stets der Anreiz zu tricksen bzw. das „Spiel“ ein wenig zum eigenen Vorteil zu manipulieren.

Wettbewerb ist das Gegenteil von Kooperation. Wettbewerb kann eine Atmosphäre erzeugen, in der sich Wettbewerber beneiden und gegenseitig Unglück bei ihren Unternehmungen wünschen. Wo Kooperation die gemeinsame Nutzung von Informationen und synergetisches Lösen von Problemen fördert, provoziert Wettbewerb Zurückhaltung und Manipulation von Informationen, Rechthaberei und Korruption. Deshalb erzeugt Wettbewerb oft Misstrauen. Misstrauen wiederum erlaubt weder aufgeschlossene Kommunikation, noch freien Fluss von Information als fruchtbare Grundlage zwischenmenschlichen Austauschs. Jedoch nur ein freier Fluss von Informationen gepaart mit nachhaltigem Zugriff auf Waren und Dienstleistungen würde die Gestaltung von Gesellschaftssystemen ermöglichen, die alle Individuen optimal dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen (→ Umgang mit Ressourcenknappheit).

Einige der oben genannten Merkmale können natürlich auch außerhalb von Bereichen des Wettbewerbs gefunden werden. Wettbewerb bietet jedoch einen zusätzlichen Anreiz, oben beschriebene Verhaltensweisen an den Tag zu legen.

Solange Wettbewerb auf freundschaftlichen Grundlagen basiert (z.B. im Sport) und nicht mit ernsthaften Folgen verbunden ist, kann er sehr konstruktiv sein. Sobald es aber um den Zugriff auf Ressourcen geht, die Bedürfnisse befriedigen (z.B. Geld, Nahrung, Schutz, Transport usw.), kann Wettbewerb sehr destruktive Auswirkungen haben.

Extrinsische Motivation
In den meisten derzeitigen Gesellschaftssystemen werden Menschen zur Arbeit motiviert, indem systematisch an Bedingungen geknüpfte Anreize angewandt werden. Extrinsische Motivation ist der Drang etwas zu tun, um eine versprochene Belohnung zu erhalten bzw. eine angedrohte Strafe zu vermeiden. Wenn du gut, schnell oder schlau genug bist, bekommst du etwas. Wenn du nicht so gut darin bist, eine bestimmte Tätigkeit zu erledigen, dann bekommst du weniger oder gar nichts oder du wirst sogar dafür bestraft, dass du nicht gut genug bist.

Du gehst beispielsweise einer Arbeit nach, um Zugang zu Ressourcen zu erhalten (z.B. Geld, Unterkunft, Nahrung, Ansehen, usw.). Wenn du in deinem Job nicht unermüdlich dran bleibst, wirst du nicht befördert und erhältst folglich keine Belohnung: Du wirst nicht im Haus deiner Träume leben können, bzw. nicht die Nahrungsmittel kaufen können, die du essen möchtest. Vielleicht nimmst du es auch als stille Bestrafung wahr.

Schulnoten, die darüber entscheiden, welchen Bildungsweg man einschlagen darf, und der damit einhergehende Leistungsdruck, sowie Strafen wie Bußgelder und Freiheitsentzug sind ebenfalls Beispiele für an Bedingungen geknüpfte Anreize.

Welche Probleme bringt der übermäßige Gebrauch von solchen Anreizen mit sich?

An Bedingungen geknüpfte Belohnungen von außen („Wenn du dies tust, bekommst du das“-Belohnungen) grenzen von Natur aus unseren Fokus ein und konzentrieren unseren Geist auf eine bestimmte Aufgabe. Deshalb erweisen sich extrinsische Anreize hinsichtlich komplexen Aufgaben und dem Lösen von Problemen oft als wenig effektiv und sogar kontraproduktiv. Das Lösen komplexer Probleme – wie jene, mit denen sich die globale Gesellschaft konfrontiert sieht – erfordert Achtsamkeit, Weitsicht, Geduld, Kreativität, Ganzheitlichkeit sowie Feingefühl für Details und Wechselbeziehungen. Schon um ein leicht komplexes Problem tiefgreifend und ganzheitlich zu verstehen, muss sich ein Individuum sorgenfrei, wohl und ungezwungen fühlen. Das Gehirn muss in der Lage sein, entspannt und ruhig ein weites Spektrum an Informationen aufzunehmen, um diese effizient zu verarbeiten (C1). Wenn Individuen jedoch hauptsächlich durch extrinsische Anreize motiviert werden, tendieren sie dazu, sich auf die versprochene Belohnung zu konzentrieren anstatt ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die ganzheitlich nachhaltige Lösung des Problems zu richten [2].

Dies gilt auch für vorausschauendes Denken. Externe Belohnungen können den Geist eher auf die greifbare Belohnung richten als auf das, was in ferner Zukunft liegt. Dadurch untergraben äußere Anreize oft die Fähigkeit, Probleme und Konflikte vorauszusehen, Durch äußere Belohnungen erzeugtes Kurzzeitdenken kann also langfristige Lösungen behindern [3].

Extrinsische Belohnungen, die für eine Aufgabe angeboten werden, führen tendenziell dazu, dass das extrinsisch motivierte Individuum die selbe Art von Belohnung erwartet, wenn sie oder er eine ähnliche Aufgabe erhält. Dies zwingt das belohnende Individuum dazu, Belohnungen immer und immer wieder anzubieten. Des Weiteren können angebotene Belohnungen im Laufe der Zeit zur Normalität für das belohnte Individuum werden. Dies bedeutet, dass der Anreiz, der dem Individuum angeboten wird, nicht mehr ausreichen könnte, um ihn oder sie zu motivieren. Aus diesem Grund muss das belohnende Individuum die Belohnung regelmäßig erhöhen, um ähnliche Ergebnisse zu erhalten [4]. Sollte die Belohnung nicht kontinuierlich erhöht werden, kann es sein, dass die Motivation des belohnten Individuums stetig sinkt. Folglich können extrinsisch motivierte Individuen abhängig von externer Belohnung werden. Bleiben Belohnungen von außen aus, kann man häufig beobachten, dass jene Individuen aufhören, extrinsisch motivierte Tätigkeiten aufzunehmen. Daraufhin wird ihnen oft „Inaktivität“ oder „Faulheit“ zugeschrieben. Aufgrund der systematischen Anwendung externer Anreize taucht „Faulheit“ als ein großes Thema in vielen gegenwärtigen politischen Diskussionen auf.

Schon im jungen Alter lehrt uns die Mehrheit der Bildungssysteme, wie wichtig Belohnungen und Bestrafungen sind. Viele von uns streben nach guten Noten, um gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden, anstatt diese als Ergebnis ihres Interesses an den Bildungsinhalten zu erlangen. Später im gesellschaftlichen Bildungsprozess tendieren wir dazu, eher jene Fachgebiete zu wählen, die ein vernünftiges Einkommen versprechen, als solche, die unsere Leidenschaften und Interessen befriedigen. Schließlich wird das Vorankommen in unserer „Karriere“ – und Geld – zur Hauptmotivation Dinge zu erreichen.

Intrinsische Motivation
Intrinsische Motivation ist ein innerer Antrieb, der dich dazu veranlasst, dem nachzugehen, was dich interessiert, deine Neugier weckt, dich inspiriert und dich vor Herausforderungen stellt. Du machst etwas, ohne irgendeine Belohnung von außen dafür zu erwarten, weil dich die Aufgabe selbst oder die erzielten Ergebnisse unmittelbar erfreuen.

Intrinsische Motivation zeichnet sich im Wesentlichen durch die folgenden drei Merkmale aus:

  • Autonomie – der Drang, dein Leben selbst zu bestimmen; selbst zu entscheiden, was du tun willst und was nicht
  • Meisterung – der Wunsch, besser und besser in Etwas zu werden
  • Sinn – das Verlangen danach das, was du tust, im Dienste von etwas Wichtigem zu tun

Wir alle wollen etwas tun, was von Bedeutung ist. Und wir wollen selbst entscheiden, was wir tun. Sinn, gekoppelt mit Autonomie, befähigt uns für gewöhnlich, in den Dingen, die wir tun, immer besser zu werden. Darüber hinaus machen Menschen Dinge ausschließlich aus der Freude heraus, diese zu meistern.

Für gewöhnlich ist mindestens eines dieser drei Merkmale Teil der Motivation einer dich fesselnden Tätigkeit. Wenn du beispielsweise gerne zeichnest, möchtest du wahrscheinlich selbst darüber entscheiden, was du zeichnest und wie du es zeichnest (Autonomie). Wenn du dafür trainierst, an einem Spiel deiner Lieblingssportart teilzunehmen, entwickelst du womöglich einen starken Willen, deine Disziplin zu meistern (Meisterung). Dein Interesse an der Entwicklung von Antriebssystemen in Luft- und Raumfahrt könnte vom Wunsch getrieben sein, Transport einfacher, sicherer, bequemer oder umweltfreundlicher zu gestalten (Sinn).

Intrinsische Motivation befähigt uns, an einer Sache oder einem schwer zu verstehenden Problem dran zu bleiben. Sie hilft uns, auf kreative Art und Weise Probleme zu lösen, verstärkt unsere Energie für die Einarbeitung in ein Thema, und treibt uns voran, dieses besser und besser zu verstehen. Deshalb hilft uns diese Art der Motivation, Lösungen zu finden, auch in der heutigen, durch äußere Anreize getriebenen Welt. [5]

Es gibt eine große Bandbreite an Tätigkeiten, die als ausschließlich intrinsisch motiviert beschrieben werden können. Extrinsisch motivierte Tätigkeiten andererseits haben stets einen intrinsisch motivierten Anteil an sich; auch wenn dies ausschließlich der Selbsterhaltungstrieb des Individuums ist. Wie dem auch sei, um ein intrinsisch motiviertes Ziel zu erreichen, gehen Individuen oft vielen verschiedenen Aufgaben nach, die den Weg zu diesem Ziel ebnen.

Stell Dir beispielsweise vor, du möchtest Forscher für natürliche Krebsmedikamente werden. Die Vorstellung davon, in Zukunft dieser Tätigkeit nachzugehen, erfüllt dich mit Freude, da deine Bedürfnisse nach Sinn, Fortschritt und Verbundenheit zur Natur befriedigt würden. Leider ist ein Semester an der Universität verdammt teuer. Um dein Studium irgendwann bezahlen zu können, musst du wahrscheinlich erst einmal Geld verdienen. Sagen wir, du arbeitest in einer Postfiliale und verdienst zunächst wenig. Es ist ein stressiger Job. Du gibst jeden Tag dein Bestes. Über die Jahre kannst du ein paar Ersparnisse beiseite legen, aber es ist einfach nicht genug. Die Gelegenheit zu einer Beförderung veranlasst dich, einen Teil deiner Ersparnisse für eine Weiterbildung auszugeben. Nach fünf Jahren steigst du auf zum Abteilungsleiter. Jetzt erwartet jeder von dir, zu jeder Zeit erreichbar zu sein. Wie lange hältst du durch, deinem Traum zu folgen?

Je mehr Aufgaben und Hürden zwischen dir und deinem Ziel stehen, desto stärker könntest du einen Abfall deiner intrinsischen Motivation empfinden. Solange du merkst, dass du deinem Ziel näher kommst, kann sich ein Gefühl des Vorankommens einstellen. Gibt es allerdings zu viele Aufgaben und Hürden zwischen dir und der Erfüllung deines Ziels, kann es sein, dass du dein Ziel aus den Augen verlierst.

Dein Ziel aus deinen Augen zu verlieren, kann als „Trennung“ von dir selbst verstanden werden, da du die emotionale Verbindung zu deinen Bedürfnissen verloren hast. Der Hauptgrund für „Trennung“ ist das permanente Wettrennen um den Lebensunterhalt in einer Wettbewerbsgesellschaft, in der wir oft Tätigkeiten nachgehen müssen, denen wir aus intrinsischer Motivation heraus nicht nachgehen würden.

Trennung von sich selbst
Wie oben erwähnt, verlieren viele von uns einige ihrer persönlichen Bedürfnisse aus den Augen – oder haben diese nie entdeckt -, aufgrund des Drucks ihren gesellschaftlichen Status zu erhalten und zu verbessern. Wir tendieren dazu, unsere emotionale Bindung zu uns selbst, unserer Umwelt und den Tätigkeiten, mit denen wir betraut sind, zu verlieren. Während wir unsere Aufmerksamkeit auf Belohnungen (wie z.B. Löhne, Zinssätze, Dividenden und Rabatte) sowie auf die Beurteilung der Meinungen und Lebensweisen anderer richten, trennen wir uns mehr und mehr von unserem Sinn für unsere eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Liebsten. Diese Trennung verwehrt es uns, unsere intrinsisch motivierten Ziele wahrzunehmen. Wir tendieren dazu, Interesse an der Qualität der Aufgaben, mit denen wir vertraut sind, zu verlieren, da wir hauptsächlich des Geldes wegen zur Arbeit kommen. Wir funktionieren lediglich, anstatt unsere Tätigkeiten mit all unseren Sinnen zu erleben. Wir tragen Masken und zeigen uns selten authentisch. Wir geben vor, dass alles in Ordnung ist und wir glücklich sind. Unsere oberflächliche Zufriedenheit wird durch den Erwerb materieller Statussymbole und den Zeitvertreib mit trendigen Spielereien genährt. Wir tendieren dazu, gedankenlos zu wiederholen, was wir von Politiker_innen, Prominenten, oder religiösen Oberhäuptern hören, anstatt unsere eigenen Verständnisse und Sichtweisen zu entwickeln. Das alles macht es uns nahezu unmöglich, persönliche Zufriedenheit gezielt anzustreben.

Macht in den Händen Weniger
Trennung erzeugt eine Tendenz in uns, unreflektiert den Ideen anderer zu folgen. Wir sind dabei leicht manipulierbar. Deshalb können wir oft beobachten, dass nur wenige Individuen innerhalb der Gesellschaft gesellschaftliche Strukturen nach ihrem Willen gestalten. Dieser Umstand eröffnet diesen Wenigen allerdings die Möglichkeit, die Bewegung von Ressourcen zu kontrollieren. Dies konzentriert Macht und Zugriff auf Ressourcen in den Händen einiger Weniger, wobei Oligopole und Monopole entstehen. Dies zeigt sich in der stetig größer werdenden Kluft zwischen Arm und Superreich, wie auch in der Einverleibung kleinerer Unternehmen durch riesige Konzerngruppen.

Wenn für eine Gruppe von Individuen Macht über andere bzw. über die Ressourcen anderer zur Normalität wird, gewöhnen sie sich daran diese Macht zu nutzen, um ihre persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Dies kann sich zu einer gefährlichen Situation entwickeln, denn diese Individuen können dazu tendieren, an ihrem Machtstatus festzuhalten. Falls Individuen, die Macht über andere haben, den Verlust ihrer Macht fürchten müssen, kann es passieren, dass sie versuchen, den Freiheitsradius dieser anderen Individuen einzuschränken. Dies wirkt dem Ziel von Gesellschaft entgegen (→ Werte).

Wir leben in Gesellschaftssystemen, die (Gruppen von) Individuen Macht über andere und deren Zugriff auf Ressourcen einräumen. Wir müssen unsere emotionale Verbindung zu uns selbst, unseren persönlichen Bedürfnissen und unserer Umwelt wiederherstellen. Nur dann können wir unsere eigenen Ideen und Vorstellungen darüber entwickeln, wie Gesellschaftssysteme aussehen sollten, damit sie unsere Bedürfnisse befriedigen können. Wenn wir dies nicht tun, entwickeln wir keine Visionen und geraten in einen Zustand der Inaktivität hinsichtlich gesellschaftlicher Entwicklung. Diese Inaktivität ist eine stillschweigende Absegnung der existierenden Gesellschaftssysteme und der Strukturen, die anderen Macht über uns gewähren.

Ineffizienz der derzeitigen Gesellschaftssysteme
Gesellschaftssysteme, die Individuen nicht bei der Entdeckung und Entfaltung ihrer intrinsischen Motivation unterstützen und begleiten, erzeugen eine große Kluft innerhalb der Gesellschaft. Wenn Menschen hauptsächlich durch äußere Anreize motiviert werden, kann es sein, dass sie einen Beruf lernen und ausüben, zu dem sie ohne diese äußeren Anreize nie gekommen wären. Sollte die intrinsische Motivation im Hinblick auf ihren Beruf nicht die vorrangige Art der Motivation sein, ist die emotionale Verbundenheit mit ihren Tätigkeiten eher gering. Folglich zeigen viele Menschen in der Gesellschaft wenig Leidenschaft an dem, was sie tun, und sind sehr unzufrieden mit den Tätigkeiten, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie sind nicht „glücklich“ in ihrem Job. Im Gegensatz dazu gibt es viele Menschen, die sich für diese Aufgaben interessieren und gerne an ihnen arbeiten würden. Aber dies ist ihnen nicht möglich. Zunächst, weil andere diese Arbeitsstellen besetzen. Des Weiteren, weil sie sich wahrscheinlich mit enormen gesellschaftlichen Hürden konfrontiert sehen, wenn sie ihre Lebenssituation von einem Beruf zu einem anderen verändern wollen.

Für viele von uns ist es heutzutage sehr schwierig, einen eingeschlagenen Bildungs- oder Berufsweg zu wechseln. Solche Wechsel (wie die Wahl eines anderen Studiengangs oder den Aufbau eines eigenen Unternehmens) sind meist mit der Überwindung gewaltiger gesellschaftlicher Hindernisse verbunden. Viele von uns haben nicht gelernt, wie sie ihre eigene Situation analysieren und wie sie ihre Möglichkeiten entdecken können. Darüber hinaus erleben viele Menschen einen Mangel an Zugang zu gesellschaftlicher Unterstützung. Somit bleiben beim Gedanken an die Änderung des eigenen Lebensweges zu viele Unsicherheitsfaktoren. Es ist oft nicht möglich, Bildungs- und Berufswege auszuprobieren, ohne negative (z.B. existenzielle) Konsequenzen fürchten zu müssen. Schließlich sind viele von uns entmutigt, irgendetwas an ihrem eingeschlagenen Lebensweg zu ändern und hören sogar auf, darüber nachzudenken.

Zusammen genommen heißt dies, dass die derzeitigen Formen gesellschaftlicher Organisation weder so effektiv noch so effizient sind, wie sie sein könnten, um die notwendigen Aufgaben zur Schaffung und Erhaltung einer gesunden Gesellschaft zu bewerkstelligen. Sie versagen darin, Menschen optimal in passenden Positionen, Funktionen oder Jobs zu platzieren.

Apathie – Inaktivität und Faulheit
Wie bereits erwähnt, trainieren die meisten der heutigen Bildungssysteme Kindern systematisch an, extrinsischen Anreizen zu folgen. Sie nutzen Anreize wie Belohnungen und Bestrafungen, und untersagen es oftmals „Herumzutoben“, zu spielen bzw. „Quatsch zu machen“. Allgemein gesprochen schränken heutige Bildungssysteme den Antrieb der Kinder ein, eigenen Interessen zu folgen, und zwingen sie dazu, sich auf die vorgeschriebenen Inhalte der Lehrpläne zu konzentrieren.

Wie oben beschrieben, können extrinsische Anreize abhängig machen. Nach jahrelanger, systematischer Einschränkung und Verminderung intrinsischer Motivation durch Bildungssysteme, die äußere Anreize in großem Ausmaß anwenden, müssen solche Anreize weiterhin permanent angeboten werden, damit das Individuum in dessen Aktivitäten bzw. beruflichen Tätigkeiten motiviert bleibt. Da viele Menschen diese Ursache nicht begreifen, kommen sie zu Schlussfolgerungen wie: „Menschen sind von Natur aus faul!“. Menschen sind nicht von Natur aus faul. Die derzeitigen Bildungssysteme – geformt vom wirtschaftlichen Druck des Wettbewerbs – machen einen Großteil der Bevölkerung von extrinsischen Anreizen abhängig.

Bildungssysteme sollten nicht dazu tendieren, Individuuen ausschließlich auf die Anforderungen wettbewerbsbasierter Gesellschaftsysteme vorzubereiten. Bildungssysteme, Familienmitglieder, Freunde und die Gesellschaft im Gesamten sollten vielmehr die Entdeckung, Entfaltung und das Streben nach Erfüllung persönlicher Bedürfnisse, Interessen und Ziele fördern. Wir müssen die Menschen dieser Welt mit dem nötigen Wissen, den nötigen Fertigkeiten und Werkzeugen ausstatten, die sie dazu befähigen, der Befriedigung ihrer Bedürfnisse nachzugehen (→ Bildung). Dieser Umstand kann den Wandel zu Gesellschaftssystemen fördern, welche so gut wie möglich für jede(n) funktionieren.

Das schlechte Image der Eigennützigkeit
Wenn Menschen heutzutage über „Eigennutz“ oder „egoistisch sein“ reden, meinen sie dies oft in einer negativen Weise. Allerdings basiert alles, was wir tun, auf egoistischen Motiven: Wir tun Dinge, die unserer körperlichen Existenz, unserem Wohlbefinden, unserem Selbstwertgefühl, unserem Gewissen oder unserem Sinn für Notwendigkeit dienen. Jede Handlung eines jeden Individuums hat – bewusst oder unterbewusst – im Kern eigennützige Beweggründe. Du, dein Geist und dein Körper versuchen immer das zu tun, was richtig scheint entsprechend deiner persönlichen Wahrheit (→ Grundlegende Verständnisse). Das bedeutet, dass es für dich unausweichlich ist, Dinge zu deinem eigenen Nutzen zu tun. Es ist nichts falsch daran, bewusst eigennützig zu handeln.

Wenn Menschen den Egoismus eines Individuums kritisieren, geht es nicht um den inbegriffenen Eigennutz. Die Kritik bezieht sich eher auf den Nachteil (und evtl. Schaden), den andere durch die „egoistische“ Handlung erfahren.

Bei der Umsetzung eigener Ziele durch Unachtsamkeit die Bestrebungen anderer zu behindern, nährt Konflikte. An der Umsetzung eigener Bestrebungen gehindert zu werden, erzeugt Unzufriedenheit bei den Betroffenen und belastet die Beziehungen der Individuen untereinander. Dies kann zu Spannungen zwischen den Individuen führen. Diese Spannungen können den Konflikt intensivieren und folglich zu Problemen für alle Beteiligten führen.

Deshalb ist es wichtig, „meinen Nutzen“ oder „meinen Vorteil“ so zu organisieren, dass andere dadurch keine Nachteile haben. Folglich sollte die Umsetzung persönlicher Ziele so gut wie möglich mit den Bestrebungen anderer harmonieren. Wenn dies berücksichtigt wird, kann es sogar sein, dass andere von „meinem Nutzen“ profitieren anstatt diesen als Hindernis zu empfinden (→ Werte). Das heißt: Solange niemand aufgrund deiner Handlungen einen Nachteil erleidet, sei so eigennützig wie du willst.

Die Hauptaufgabe gesellschaftlicher Organisation sollte die Koordination verschiedener individueller Bestrebungen und Interessen sein (→ Die Wissenschaftliche Denkweise). Dies könnte der Kollision von Interessen vorbeugen und aufkommende Konflikte lösen. Die Auffassung von altruistischen guten Menschen auf der einen und egoistischen bösen Menschen auf der anderen Seite ist überholt.

Umgang mit destruktiven Verhaltensmustern
Die globale Gesellschaft wendet verschiedenste Methoden im Umgang mit Menschen an, die Verhaltensweisen zeigen, die als unangebracht angesehen werden. Dabei scheint der Schwerpunkt im Umgang mit unerwünschten Verhaltensweisen auf Formen der Bestrafung zu liegen. Dies sind Formen der Bestrafung wie Bußgelder, Verbote, Freiheitsentzug, Folter und Tod. Hierbei soll Bestrafung zu vier Effekten führen: Erstens soll sie das Individuum dazu bewegen, sein bzw. ihr eigenes Verhalten zu ändern. Zweitens soll die Bestrafung andere davon abhalten, zukünftig genauso oder ähnlich zu handeln. Drittens kann das bestrafte Individuum vom Rest der Gesellschaft isoliert werden, um andere nicht zu stören oder zu schaden. Viertens soll Bestrafung besänftigend auf das vorherrschende „Gerechtigkeitsempfinden“ einer Gesellschaft wirken.

Die derzeitige globale Gesellschaft scheint sich der Wechselbeziehung zwischen dem Verhalten eines Individuums und dessen jeweiliger Umwelt nicht ausreichend bewusst zu sein. Jedes Individuum wird in eine bestimmte Umwelt hineingeboren und wächst in ihr auf. Anstatt ausschließlich in der Persönlichkeit des Individuums nach Gründen für destruktives Verhalten zu suchen, ist es genauso wichtig, in der Umwelt und Entwicklungsgeschichte des Individuums nach Gründen für die Entwicklung destruktiven Verhaltens zu suchen. Untersuchungen und Nachforschungen sollten folgende Fragen stellen:

  • Welche Umstände brachten das Individuum dazu, sich auf diese Weise zu verhalten? Welche Bedürfnisse sollten dadurch befriedigt werden?
  • Auf welche Art kann die Gesellschaft das Individuum dabei unterstützen, zu verstehen, warum diese bestimmte Verhaltensweise als destruktiv betrachtet wird?
  • Wie kann die Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Individuum Wege entwickeln, die das Individuum dazu befähigen, ihre bzw. seine Bedürfnisse zu befriedigen ohne dabei jemanden zu stören oder zu schaden?
  • Wie kann die Gesellschaft ihre Gesellschaftssysteme so ausrichten, dass Individuen in ähnlichen Situationen bei der Befriedigung ihrer Bedürfnisse unterstützt werden, anstatt destruktive bzw. schädigende Verhaltensweisen an den Tag legen zu müssen?

Im Interesse eines Jeden sollten Untersuchungen jeglicher Art von „Kriminalität“ offenbaren, welche Umstände ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen dazu brachte, in destruktiver Weise zu handeln. Das Hauptaugenmerk der Gesellschaft sollte nicht auf der Bestrafung unerwünschter Verhaltensmuster liegen, sondern auf der Gestaltung von Umfeldern, die das Individuum unterstützen und den Ausdruck destruktiven Verhaltens somit so weit wie möglich unnötig machen.

All die kleinen, großen und teils unfassbaren Gewalttaten, die wir Menschen uns gegenseitig antun, sind Symptome unserer derzeitigen Dominanzkultur. Uns ist mehrheitlich noch nicht bewusst, wie Gewalt in der Gesellschaft entsteht, wie sie von Individuum zu Individuum weiter gereicht wird, und schließlich in Körperverletzung, Folter, Mord oder Krieg kulminiert. Die globale Gesellschaft sollte Opfern und ihren Angehörigen in ihrem Schmerz, ihrer Wut und ihrer Trauer zur Seite stehen und ihnen die Unterstützung zur Verfügung stellen, die sie brauchen.

Ökosysteme im Ausverkauf
Wie im Hauptteil dieses Artikels erwähnt, benötigt der menschliche Organismus die regelmäßige Einnahme von sauberer Luft, Wasser und nährstoffreicher Nahrung, genügend Sonnenlicht und viele andere Formen an Substanzen und Energie. Außerdem schafft eine sichere und geschützte Umwelt ausreichend Zeit und Raum, um Dinge und Wechselbeziehungen in unserer Welt zu entdecken. Sichere und geschützte Umgebungen ermöglichen es zu lernen, zu experimentieren, zu planen und ein friedliches Leben zu genießen, ohne durch belastende Ereignisse aus der Bahn geworfen zu werden.

Trotzdem scheint es, dass die Menschheit die zukünftige Stabilität solcher Umgebungen weltweit kontinuierlich gefährdet. Rohstoffe werden überall auf dem Planeten ausgebeutet, auf einer Skala, die die globale Gesellschaft noch nie zuvor erlebt hat. Die globale Gesellschaft versucht sich an das Fossile Zeitalter zu ketten, indem sie jeden Tropfen Öl aus Teersanden presst (z.B. in Kanada) oder hochriskante Frackingmethoden zur Gasgewinnung einsetzt. Es gibt einige Entwicklungen in Richtung erneuerbarer Energiesysteme, aber der Hauptanteil der Energiesysteme hält an der Nutzung von Kohle, Öl und Uranium fest. Das Verbrennen von Kohle reduziert die Luftqualität erheblich (zu sehen in China). Der Abbau, Transport und die Nutzung von Uranium, um es in Atomkraftwerken zu verwenden, setzt viele Menschen erhöhter Strahlung aus und schafft Risiken schwerer Nuklearunfälle. Die übermäßige Verbrennung von fossilen Brennstoffen hat die Erderwärmung womöglich beschleunigt, wenn nicht sogar verursacht. Das Klima unseres einen und alleinigen Heimatplaneten verändert sich. Die globale Gesellschaft beobachtet das Schmelzen der Polarkappen, das Steigen des Meeresspiegels, ein erhöhtes Aufkommen von Unwettern, wärmere Jahreszeiten und im Allgemeinen einen Anstieg von Wetterextremen.

Aufgrund der wachsenden Verbreitung von Monokulturen in der Landwirtschaft und der intensiven Anwendung von Pestiziden leidet die Artenvielfalt. Die Population bestäubender Insekten – wie beispielsweise die Populationen der Bienen – sinkt. Aus den gleichen Gründen und wegen Überdüngung der Felder verschlechtert sich die Qualität der Böden des Planeten. Urwälder werden für billiges Holz und dadurch frei werdende Anbauflächen gerodet. Die Industrie nutzt toxische Chemikalien in Produkten und Produktionsprozessen so, dass diese die Gesundheit aller Lebewesen bedrohen und die Wasserquellen im Umkreis der Produktionsanlagen verseuchten. Weltweit gibt es eine immense Ausbeutung natürlicher Wasserreservoirs. Zusätzlich bedrohen wir unsere maritime Nahrungsmittelversorgung, indem wir die Fischgründe der Welt ausbeuten und die Ozeane mit Plastik verschmutzen. Die industrielle Nutzung von biochemischen Substanzen (wie z.B. Hormonen) führt zur Anhäufung dieser Stoffe im Wasser und im Erdreich. Über die Aufnahme von Nahrung und Wasser können solche Substanzen Auslöser biochemischer Prozesse innerhalb eines Organismus sein, welche natürlicherweise nur von körpereigenen Hormonen ausgelöst werden. Solche künstlich herbeigeführten Reaktionen belasten den Organismus und können sich dramatisch auf Gesundheit und Entwicklung auswirken.

Die Minderung des ökologischen Reichtums des Planeten und die Ausbeutung endlicher Ressourcen wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Verknappung von Ressourcen in globalem Maßstab verstärken. Dies könnte weit mehr unvorhersehbare Konflikte hervorbringen, als wir schon heute zu bewältigen haben und uns Menschen somit dazu zwingen, unseren Wettstreit um knappe Ressourcen weiter zu verschärfen. Sich ausschließlich auf strukturelle Anreize wie monetäre Profite oder irreführende Wohlstandsindikatoren (wie z.B. das BIP) zu konzentrieren, führt offensichtlich zu destruktivem und schädlichem Verhalten.

Unsere wettbewerbsgetriebenen, profitorientierten Wirtschaftsysteme verschwenden unsere Ressourcen und reduzieren damit den Gestaltungsspielraum für unser Leben auf diesem Planeten. Es ist jetzt an der Zeit, der gesellschaftlichen Entwicklung eine neue Richtung zu geben. Wir müssen Gesellschaftssysteme hervorbringen, die Nachhaltigkeit, individuelle Gesundheit und vitalisierende Umgebungen strukturell verstärken anstatt finanziellen Gewinn als einziges Ziel zu propagieren.

Werte und Regeln leben
Wenn sich eine Gesellschaft selbst Regeln auferlegt, dann sollte jede Regel jedem Individuum in einer Weise kommuniziert werden, dass die Gründe für diese Regel und die Regel selbst verstanden werden können. Auf dieser Grundlage könnte jeder befähigt sein, diese Regeln anzuwenden, damit sie sich in der Gesellschaft etablieren.

Wenn eine Gruppe von Individuen – eine Gesellschaft – von ihren Mitgliedern erwartet, gesellschaftliche Werte zu respektieren (z.B. einander zuzuhören) und folglich von ihnen erwartet, dass sie ihr Verhalten anpassen, ist es sehr wichtig, dass diese Werte in dieser Gesellschaft auch erfahrbar sind. Im Alltagsleben sollten Individuen jene Werte erleben, deren Verwirklichung von ihnen erwartet wird. Wenn Lehrer_innen beispielsweise von ihren Schüler_innen verlangen, sich gegenseitig zu respektieren, dann sollten sie selbst auch ihre Schüler_innen, deren Eltern und ihre Kollegen_innen respektieren. Wenn sich Politiker_innen über korruptes Verhalten aufregen, dann sollten sie ihre Ämter nicht dazu missbrauchen, sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Staaten, die ihren Willen zu weltweitem Frieden unterstreichen, sollten aufhören, Gewalt und Krieg in jeglicher Form zu provozieren.

Bestrafung und Belohnung sind kein optimales Instrument, um moralische Werte zu etablieren. Wenn die von einer Gesellschaft gewünschten Werte in dieser Gesellschaft gelebt werden, erleben alle Individuen dieser Gesellschaft diese Werte automatisch als Teil ihres Lebens. Heutzutage scheint es notwendig zu sein, selbige Werte Individuen aktiv einzuflößen,, da die meisten der Werte, die unsere Gesellschaft offiziell schätzt (z.B. „Schütze die Umwelt.“, „Respektiere deine Mitmenschen.“, oder „Hilf anderen ohne eine Gegenleistung einzufordern.“) völlig unzureichend in Politik, Wirtschaft und auf anderen gesellschaftlichen Organisationsebenen angewandt werden. Wir müssen diese Werte in die Strukturen unserer Gesellschaftssysteme integrieren, anstatt zu versuchen, diese als Gegengewicht zur Grundstruktur unserer Gesellschaftssysteme zu etablieren.

Damit es nicht zur Provokation von destruktivem und schädigendem Verhalten kommt, muss die globale Gesellschaft feindselige Umwelten in unterstützende Umwelten wandeln. Dies umfasst auch jene Charakteristiken der Gesellschaftssysteme herauszuarbeiten und zu beseitigen, die Ausbeutung, Verschmutzung, Missbrauch, Gewalt und andere destruktive Handlungsweisen fördern und verstärken. Wir müssen uns zum Ziel setzen, Gesellschaftssysteme zu schaffen, die es den Menschen ermöglichen, eigenen Zielen im Einklang mit den Bedürfnissen aller anderen Individuen und dem sie umgebenden Ökosystem nachzugehen. Auf jeder Gesellschaftsebene (Politik, Wirtschaft, Familien, usw.) sollten die Menschen befähigt und ermutigt sein, so kooperativ und unterstützend wie möglich zu handeln. Es ist jedoch weitaus wahrscheinlicher, dieses Ziel von Gesellschaft (→ Werte) in einer „Reichhaltigkeit Schaffenden Wirtschaft“, als in einer „Knappheit Verwaltenden Wirtschaft“ zu erreichen (→ Umgang mit Ressourcenknappheit).

— Mythen und Meinungen —

In unseren Gesprächen und Vorträgen haben wir Mythen und Meinungen gesammelt, die uns regelmäßig zum Thema Gesellschaft begegneten. Einige dieser Aussagen sind unter den Menschen unserer heutigen Welt sehr weit verbreitet. Wir möchten euch zu einigen dieser Aussagen unsere Ansicht darlegen.

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“Es gibt gute Menschen und es gibt schlechte Menschen,
und die guten Menschen müssen vor den schlechten Menschen beschützt werden.”

“Gut” und “schlecht” sind Eigenschaften, die immer in einem bestimmten Kontext stehen. Was für den einen gut erscheint, kann für den anderen schlecht oder unangebracht wirken. Wenn man sich „schlechtes“ bzw. „unmoralisches“ Verhalten von Individuen anschaut, kann man immer Gründe finden, weshalb diese Individuen so agieren. „Gutes“ wie auch “schlechtes” Verhalten sind auf das Streben nach Befriedigung von Bedürfnissen zurückzuführen. Menschen machen normalerweise keine schlechten Dinge, nur weil es ihnen Freude macht, schlecht zu sein.

Viele Menschen sind so beschäftigt damit, ihre Ziele zu verfolgen, dass sie dabei übersehen, wie schlecht sich ihre Tätigkeit (oder Untätigkeit) auf andere Menschen auswirkt. In anderen Fällen verhindern starre Sichtweisen und festgefahrene Überzeugungen (z.B. „Das geht halt nicht anders!“), dass Menschen Konflikte aufgeschlossen von allen Seiten beleuchten und Lösungen entwickeln. Diese Menschen tun sich meistens schwer damit, sich ernsthaft mit Alternativen auseinanderzusetzen.

Für manche Menschen sind die ihnen bisher bekannten, alternativen Vorgehensweisen keine adäquate Option, um ihre Bedürfnisse effektiv befriedigen zu können. „Schlechtes“ Verhalten ist also den Umständen geschuldet, mit denen sich das Individuum konfrontiert sieht, und nicht per se Zeichen für die „schlechte“ Natur eines Menschen.

Anderen wiederum ist es tatsächlich egal, wie sich ihr Verhalten auf andere auswirkt. Die Gründe für solch eine Einstellung können in der Entwicklungsgeschichte jener Menschen liegen. Es kann sein, dass sie kontinuierlich und immer wieder erfahren haben, dass sich ihre gesellschaftliche Umwelt nicht für ihre Bedürfnisse interessiert. Sie haben sich daher angewöhnt, sich ebenso wenig um die Bedürfnisse anderer zu scheren. „Schlechtes“ Verhalten ist also nicht nur gegenwärtigen Umständen geschuldet, sondern ebenfalls jenen Umständen, die die Entwicklung eines Menschen begleitet haben. Deshalb sollte sich die Gesellschaft jedem Menschen zu jedem Zeitpunkt annehmen, wenn er bzw. sie Unterstützung braucht.

In extremen Fällen sehen Menschen sogar einen wichtigen Grund, anderen “Schlechtes” zu tun. Sie sehen ihren Anlass als so wichtig an, dass er rechtfertigt, anderen zu schaden. Oder sie meinen, dass “schlechte“ Menschen es verdient haben, schlecht behandelt zu werden. Diese Überzeugung vertreten Menschen häufig, wenn sie dem vereinfachten Glauben zum Opfer gefallen sind, es gäbe „gute“ und „schlechte“ Menschen auf der Welt. Sie fühlen sich dabei stets der Gruppe der „guten“ Menschen zugehörig.

Es ist sehr destruktiv und gefährlich, (Gruppen von) Individuen als “gut” oder “schlecht” abzustempeln. Möchte man fremde Menschen besser einschätzen können oder sie sogar verstehen lernen, dann hilft es sehr viel mehr, die Bedürfnisse, die hinter einer Handlung, Tradition, Denkweise, oder Verhaltensweise stehen, zu erfragen. Am Besten kann dies durch empathischen Kontakt zu diesen (Gruppen von) Individuen geschehen. In Konfliktfällen sollte es dabei weniger um das Verhalten anderer, sondern vielmehr um das eigene Verhalten gehen.

In der globalen Gesellschaft benötigen wir nicht mehr Kontrolle übereinander, indem wir “gute” von “schlechten” Menschen abschotten! Was wir brauchen, ist eine viel bessere Koordination unserer verschiedenen Interessen (→ Die Wissenschaftliche Denkweise). Solch eine Koordination würde es unnötig machen, anderen zu schaden, um seine Ziele zu erreichen. Die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse auf gewaltfreie, empathische und kooperative Art und Weise zu befriedigen, ohne anderen dabei zu schaden, kann man erlernen. Dies funktioniert jedoch nur in solchen Umgebungen wirklich gut, die Individuen darin unterstützen, ihre Ziele zu erreichen.

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„Menschen, die hassen, werden nie aufhören, zu hassen.“

Nicht zwangsläufig. Menschen können sich ändern und ändern sich. Das kann viel Anstrengung kosten, aber es ist möglich. Menschen können (und werden) dir darüber hinaus sehr verschiedene Seiten ihrer selbst zeigen, abhängig davon, wie DU auf sie zugehst

Wie dem auch sei: Das Erreichen von Zufriedenheit eines Individuums sollte gar nicht vom guten Willen anderer abhängig sein. Ein Individuum würde evtl. gar keine Notwendigkeit darin sehen, sich zu bemühen, dass „Hassende“ es respektieren, wenn dieses Individuum seine Bedürfnisse davon unabhängig befriedigen kann. Individuen muss es ermöglicht werden, aus dem Kreis der Menschen, die sie beneiden und hassen, ohne negative Auswirkungen heraustreten zu können. Wenn sich zusätzlich der gesellschaftliche Rahmen dahingehend verändert, dass es unnötig und nicht lohnenswert ist, ein „Hassender“ zu sein; oder dahingehend, dass Hass nicht mehr begünstigt wird, werden „Hassende“ nicht mehr lange „Hassende“ bleiben.

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“Menschen zeigen häufig aggressives Verhalten,
wegen ihrer genetischen Veranlagungen.
Dem ist so, da Gene die physischen Eigenschaften und den chemischen
Metabolismus des Individuums bestimmen und somit auch dessen Emotionen.”

Menschliches Verhalten wird durch viele Faktoren beeinflusst und kann nicht allein auf die genetischen Veranlagungen eines Menschen zurückgeführt werden. Ein Beispiel: Eine Person mit der Veranlagung, Wut sehr intensiv zu empfinden, wird in einem friedvollen, unterstützenden Umfeld anders mit dieser Wut umgehen, als in einem sehr demütigenden, aggressiven Umfeld. Eventuell wird das Gefühl von intensiver Wut und Aggression gar nicht erst ausgelöst, weil das Umfeld keinerlei Anreize dafür bietet. Jegliche Art von Verhalten steht immer in Verbindung zu einem spezifischen Umfeld, welches spezifische Einflüsse bietet.

Gesellschaftssysteme sind Teil der Umwelt eines jeden Individuums. Wenn wir den Eindruck haben, dass Menschen von Natur aus aggressiv sind, kann es sein, dass dies einem Mangel in der Grundstruktur unserer Gesellschaftssysteme geschuldet ist. (Wir erwähnen viele dieser Mängel im „Vergleich“; der zweiten Hälfte all unserer Hauptartikel des Blogs.) Tagtäglich mit den Unzulänglichkeiten der Gesellschaftssysteme konfrontiert zu werden, kann Menschen unterschwellig frustrieren und dadurch in einen Zustand konstanter Gereiztheit versetzen. Solch ein Zustand kann als „naturgegebene Aggression“ fehlgedeutet werden. Dabei sollte dieser Zustand sehr viel eher als Konsequenz von Gesellschaftssystemen verstanden werden, welche nicht optimal in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen der Menschen funktionieren.

Die Entstehung von Aggression wird also durch viele Faktoren beeinflusst und nicht ausschließlich durch genetische Veranlagung bestimmt. Wir sollten unsere Gesellschaftssysteme so gestalten, dass sie der Entstehung von Konflikten, Frustration und Aggression vorbeugen bzw. diese aufzulösen helfen.

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“Menschen werden faul, wenn sie alles zur Verfügung gestellt bekommen.
Jeder Mensch sollte produktiv sein.”

Wir möchten hier beim ersten Teil dieser Meinung anfangen und uns erst einmal die Definition von Faulheit anschauen:

Faulheit als “physisch und mental nichts tun” existiert nicht. Wir atmen, verdauen oder verstoffwechseln fortwährend. Wir denken immer, oder versuchen aktiv unsere Gedanken zu beruhigen (zum Beispiel in der Meditation). Das bedeutet, dass “faul sein” immer im Kontrast zu “fleißig sein” steht; und zwar im Hinblick auf Arbeit, die “erledigt werden muss”. Ein Individuum wird als produktiv bzw. unproduktiv bezeichnet, gemessen daran was sie oder er “leistet”. Um jedoch feststellen zu können, ob eine Person faul oder fleißig ist, bedarf es stets einer Annahme darüber, was überhaupt erledigt werden muss. Wer legt also fest, was wirklich getan und erledigt werden muss? Sind es nur die lebenserhaltenden Aktivitäten, Taten und Aufgaben, die wirklich erledigt werden müssen? Was bedeutet “produktiv” zu sein? Wer sagt, was produktiv und was unproduktiv ist? Ist eine Person unproduktiv, wenn sie Jahre damit verbringt, ausschließlich nachzudenken und zu philosophieren über ihr Leben? Was wenn diese Person – nach einer Dekade “Faulheit” – ein Gedicht schreibt, dass Menschen dazu inspiriert, ihr Leben zum Besseren zu wandeln? Dieses Gedicht wäre vielleicht niemals geschrieben worden, hätte dieses Individuum all die Jahre danach gestrebt, “produktiv” zu sein. Man kann niemals wissen, welche Art von Aktivität sich in der Zukunft einmal als wie wertvoll herausstellen wird.

Die nächste Frage, die darauf folgen muss ist: “Ist es wirklich notwendig, sicherzustellen, dass alle produktiv sind?” Soll es wirklich darum gehen, dass alle irgendetwas tun, nur damit sie etwas tun? Kann die alleinige Fokussierung auf „produktiv sein“ nicht leicht dazu führen, dass wir „überproduktiv“ werden?

Überproduktion kann sehr schädlich sein. Ein Beispiel: Produkte so zu entwerfen, dass sie nicht lange halten und nicht wiederverwertbar sind, um noch mehr produzieren und verkaufen zu können, ist kontra-produktiv, wenn es zu unseren Zielen zählt, eine gesunde, saubere Umwelt zu erhalten. Wie können wir sicherstellen, dass Produktivität sich nicht zu destruktiver Produktivität wandelt? Hier sind einige Beispiele von Gedanken, mit denen sich Individuen in unseren heutigen Gesellschaftssystemen häufig konfrontiert sehen:

  • “Mir ist klar, dass das, was ich verkaufe unter widrigen Arbeitsbedingungen hergestellt wird. Ich würde das lieber nicht verkaufen, aber ich brauche meinen Job!”
  • “Ich weiß, dass es unethisch und verschwenderisch ist, technische Geräte zu entwickeln, die so konzipiert sind, dass sie schnellstmöglich auseinanderfallen, aber wir müssen weiterhin Geld machen!”
  • “Ich möchte eigentlich kein Essen verkaufen, das solch eine schlechte Qualität hat. Aber ich kann es mir nicht leisten, etwas besseres anzubauen und ich muss ja meinen Lebensunterhalt verdienen.”

Wir können einfach nicht sicher stellen, dass Produktivität konstruktiv bleibt, es sei denn, wir hören damit auf, Menschen um jeden Preis in die Produktivität zu zwingen! Wir müssen alle Individuen von der Existenzangst befreien, ihren „Lebensunterhalt verdienen zu müssen“. Nur so haben Menschen die Möglichkeit, sich über ihre Bedürfnisse und Vorhaben bewusst zu werden. Aus dieser Selbsterkenntnis heraus nehmen sie Tätigkeiten auf, über die sie ihre Potenziale entfalten können. Und nur so können sie in einer Weise „produktiv“ werden, die ihrer intrinsischen Motivation entspringt. Wenn Menschen die Freiheit gewährt wird, produktiv in eigenem Ermessen zu sein und dazu alles Nötige zur Verfügung gestellt bekommen, ist es wahrscheinlich, dass sich ein Großteil der Gesellschaft dazu entscheidet, konstruktiven und sinnerfüllten Tätigkeiten nachzugehen.

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„Menschen werden faul, wenn sie keine Pflichten haben.
Menschen wollen keine Verantwortung übernehmen.“

In Gesellschaftssystemen zu leben, die es jedem ermöglichen, eigene Bedürfnisse effizient zu befriedigen, bedeutet nicht, dass es keine Pflichten mehr gibt. Sich gebraucht und bedeutsam zu fühlen ist ein grundlegendes Bedürfnis, weil es uns eine Richtung und einen Sinn gibt. Viele Menschen empfinden einen Sinn in ihrem Leben gerade wegen der Pflichten, denen sie nachgehen. Sie haben das Gefühl, dass das, was sie tun, einen bedeutungsvollen Beitrag zur Gesellschaft darstellt. Das gibt ihnen selbst Bedeutung und Sinn und sie fühlen sich dazugehörig. Wenn Menschen das Bedürfnis haben, sich zu bestimmten Aufgaben und Taten zu verpflichten, sollte ihnen dies freigestellt sein. Dies ist ein wichtiger Aspekt, wenn es darum gehen soll, den Freiheitsradius des Individuums zu erweitern. Jede_r sollte wählen können, welche Verpflichtungen er oder sie eingeht und welche nicht. Bezüglich wichtiger Tätigkeiten, die erledigt werden müssen (z.B. Nahrungsmittel anbauen, Straßenreinigung, Instandhaltung des öffentlichen Verkehrs) werden sich auch weiterhin Organisationen entwickeln, die diese notwendigen Aufgaben übernehmen. Im Gegensatz zu unserer heutigen Gesellschaft würden sich die Menschen, die eine solche Organisation ausmachen, nicht ausschließlich aufgrund von äußeren Anreizen zu solchen Tätigkeiten entschließen, sondern sehr viel eher aus einer intrinsischen Motivation heraus. Deshalb hätten diese Menschen auch ein hohes Interesse daran, diese notwendigen Tätigkeiten vernünftig auszuführen.

Vorhaben, die nur unzureichend viele Menschen umsetzen wollen bzw. für die nur unzureichend viele Menschen Verantwortung übernehmen wollen, könnten unter Umständen gar nicht in der angedachten Form umgesetzt werden. Die Individuen, die die Umsetzung solcher Vorhaben anstreben, sollten jedoch weiterhin darin unterstützt werden, ihr Anliegen zu kommunizieren, Mitstreiter zu finden und alternative Herangehensweisen zu ergründen, damit sie ihr Vorhaben in einer anderen Form umsetzen können.

Heutzutage haben viele Menschen in Positionen hoher Verantwortung das Gefühl, isoliert zu sein. Dies kann teilweise unseren momentanen Organisationsstrukturen, und teilweise unserer heutigen Einstellung gegenüber Belohnungen und Bestrafungen geschuldet sein. Die Gesellschaft muss die Erwartungshaltung, dass jemand einzig und allein für eine Aufgabe verantwortlich ist, hinter sich lassen. Diese Einstellung lässt das Individuum mit der Erfüllung der Aufgabe allein. Ganz alleine einer wichtigen Aufgabe nachgehen zu müssen, ohne ausreichend konstruktives Feedback zu erhalten; erfüllt von Angst, für Fehler bestraft zu werden, ist ein wirksamer Motivationskiller. Deshalb schrecken Menschen heutzutage häufig davor zurück, Verantwortung zu übernehmen.

Wenn ein Individuum eine Aufgabe übernimmt, sollten alle anderen involvierten Individuen ihr Interesse und ihre Unterstützung für die Ausführung dieser Aufgabe zeigen, anstatt sich einfach – voll von Erwartungen und Anforderungen – herauszuhalten. Offen alle Schwierigkeiten kommunizieren zu können, die mit der Verantwortung für eine bestimmte Aufgabe einhergehen, kann Menschen in die Lage versetzen, zwanglos und effektiv mit dieser Verantwortung umzugehen. In solch unterstützenden Umfeldern ist es für Menschen sehr viel leichter, sich zu einer Tätigkeit oder Aufgabe zu verpflichten, als in vielen Umfeldern der heutigen Gesellschaftssysteme.

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„Manche Menschen sind einfach von Natur aus faul.”

Schauen wir uns das Verhalten von Kindern an. Die meisten Kinder unter 3 Jahren sind sehr fleißig darin, die Welt um sich herum zu entdecken. (Das warst du sicherlich auch, als du ein Kind warst.) Je mehr es zu entdecken gibt, desto mehr entdecken sie. Kinder sind nicht faul. Sogar, wenn sie sich ausschließlich der Beobachtung von Dingen widmen, sind sie sehr fleißig in dieser Disziplin. Unsere momentanen Bildungssysteme neigen dazu, die weitere Entwicklung dieser inneren Motivation zu hemmen, anstatt sie zu fördern. Wir sagen unseren Kindern “konzentriere dich jetzt mal hier drauf” und “hör auf Quatsch zu machen”, anstatt sie darin zu unterstützen, ihren inneren Interessen nachzugehen. Wir stecken sie in die Schule, damit sie dort über Jahre hinweg Dinge lernen, die sie vielleicht überhaupt nicht interessieren. Und dann, nachdem wir die innere Motivation junger Menschen jahrelang systematisch verringert haben, sagen wir Dinge wie “Menschen sind von Natur aus faul”.

Wenn Menschen nach jahrelangem Training verinnerlicht haben, nicht ihren inneren Interessen und ihrer inneren Motivation zu folgen, sondern sich stattdessen mit extrinsischen Anreizen (wie Schulnoten und Geld) zu motivieren, ist es kein Wunder, dass sie inaktiv werden, sobald extrinsische Anreize ausbleiben. Wenn man darüber hinaus noch dafür bestraft wird, aktiv zu sein – zu entdecken, zu lernen, was man lernen möchte, oder einfach nur spielerisch Spaß zu haben – ist man selbstverständlich lieber inaktiv!

Menschen sind nicht von Natur aus faul. Menschen sind von Natur aus neugierig und interessiert. Die meisten Kinder wissen, wann sie eine Pause benötigen, wann sie Schlaf brauchen, wann sie hungrig sind, oder wann sie einfach produktiv sein wollen. Das bedeutet nicht, dass sie faul sind. Es bedeutet nur, dass sie im Einklang mit ihrem Energiehaushalt agieren.

In Gesellschaftssystemen, die dazu ausgelegt sind, sich bedingungslos um alle Menschen zu kümmern und das Wohlsein aller zu sichern, hätten wir wohl eine sehr andere Situation. In solchen Systemen würde jede_r von Kindheit an optimal darin unterstützt werden, eigene intrinsisch motivierte Ziele umzusetzen. In Gesellschaftssystemen, welche intrinsische Motivation erhalten und fördern, werden viele Menschen wahrscheinlich sehr aktiv sein, da sie von Beginn ihres Lebens an daran gewöhnt wären, ihren inneren Interessen zu folgen (→ Bildung).

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“Wenn jeder Zugriff auf alles hat,

werden die Menschen einfach ihre Umwelt zerstören.”

Dass jede_r versorgt ist, unterstützt wird und jeder bzw. jedem geholfen wird, persönliche Bedürfnisse zu befriedigen und eigenen Ambitionen nachzugehen, bedeutet nicht, dass jede_r einfach das nehmen kann, was er bzw. sie will und damit tun kann, was sie bzw. er möchte! Freien Zugriff für jede_r zu ermöglichen würde auch umfassen, uns selbst über die Wechselbeziehungen aller Ebenen des Lebens auf diesem Planeten (ökologisch, sozial, ökonomisch, usw.) zu bilden. Somit könnte jede bzw. jeder ein Bewusstsein für Wechselbeziehungen und die Bedeutung des Schutzes der Unversehrtheit allen Lebens dieser Welt entwickeln. Solch ein Bewusstsein etabliert als gesunder Menschenverstand würde zu einer Reihe von Regeln und Vorschriften führen, die die Ökosysteme und ihre natürlichen Kreisläufe, Pflanzen, Tiere und Menschen schützen.

Heutzutage müssen Menschen „ihren Lebensunterhalt verdienen“. Dieser Umstand bringt sie häufig dazu, einer Arbeit nachzugehen, die ihre Umwelt ausbeutet oder schädigt. In einer Gesellschaft, in der sich um jeden gesorgt wird und niemand existenzielle Ängste haben muss, kann „seinen Lebensunterhalt verdienen“ keine Ausrede beim Brechen von schützenden Regeln sein.

Außerdem wird es bezüglich spezieller Aufgaben sicherlich noch immer Regelungen geben, die festlegen, unter welchen Voraussetzungen und auf welche Weise ein Individuum mit gefährlichen bzw. knappen Materialien, Gütern und Verfahren umgehen darf.

Wenn es unser Ziel ist, dass jeder Zugang zu allem hat, was er oder sie benötigt, dann sollten wir vernünftige Regeln von unseren umfassenden Verständnissen ableiten, wie wir uns, die Erde und alle darauf lebenden Kreaturen behandeln, um nichts zu zerstören und niemanden auszubeuten. Wenn Existenzängste durch eine Bedürfnisorientierte Gestaltung der Gesellschaftssysteme nicht mehr Teil unseres Erlebens sind, werden wir in der Lage sein, uns tatsächlich an diesen Regeln zu orientieren. Somit wird es unnötig sein, irgendetwas zu schädigen oder zu zerstören, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen.

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“Der Wettbewerb generiert sehr produktive Ideen.”

Das ist wohl wahr. Wettbewerb erzeugt jedoch auch einige sehr destruktive Dinge. Und oft bringt Wettbewerb uns einfach nicht das, was er sollte. Wir – die Autoren – denken, dass Wettbewerb eine gute und gesunde Methode bezüglich vieler Situationen ist. Wenn er zum Beispiel in Spielen oder zum Lernen angewandt wird; oder die Lösung von Problemen sinnvoll unterstützt, kann Wettbewerb sehr konstruktive Auswirkungen haben.

Das Konzept „Wettbewerb“ jedoch auf den Wettkampf um (den Zugriff auf) Ressourcen anzuwenden, ist eine sehr gefährliche und zerstörerische Kombination. Wir alle benötigen Ressourcen, um unsere täglichen Bedürfnisse zu befriedigen. Wettbewerb in diesem Zusammenhang rückt das Zusammenleben als eine Gesellschaft in ein sehr anderes Licht. Dieses Spiel des Wettbewerbs ist eher destruktiv zum Ziel von Gesellschaft (→ Werte). Menschen erholen sich nicht von Niederlagen in diesem globalen Spiel des Wettbewerbs, so wie sie sich von Niederlagen im Sport erholen. Sie verlieren ihre Häuser, sie sterben an Unterernährung oder Lebensmittelvergiftung, sie werden im Krieg, durch (Drogen-)Missbrauch, Gefangenschaft oder andere Formen von Gewalt verletzt. Und all dies nur, weil sie nicht so gut, schnell, ausdauernd, kämpferisch, geschickt, fortgeschritten oder privilegiert sind, wie andere (Gruppen von) Individuen. Das Wettrennen um Ressourcen – und damit um ein gutes, menschenwürdiges Leben – sollte gar kein Wettrennen sein! Wettbewerb sollte nicht als die hauptsächliche Methode zur Verteilung von Gütern genutzt werden! Wettbewerb kann in Spielen genutzt werden, sollte aber nicht als fundamentales Konzept zur Befriedigung der Bedürfnisse von (Gruppen von) Individuen eingesetzt werden.

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“Es ist unmöglich, jeden glücklich zu machen.

Man kann es nicht allen recht machen.”

Wir stimmen mit dieser Meinung überein. Bei der Neugestaltung gesellschaftlicher Strukturen geht es nicht darum, es allen recht zu machen. Es geht darum, einem Ideal so nahe wie möglich zu kommen (→ Werte). Darüber hinaus, ist es nicht der Zweck von Gesellschaftssystemen, Menschen glücklich zu machen. Sie sind dazu da, die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu befriedigen. Was eine Gesellschaft zum Glücksgefühl des Individuums beitragen kann und sollte, ist, eine erfüllende, unterstützende Umwelt zu gewährleisten. Somit hat das Individuum selbst die Freiheit, ihr oder sein Glück selbst zu entdecken. Menschen wissen, oder können lernen, wie sie sich selbst oder einander glücklich machen können.

Auf materieller Ebene geht es ebenfalls nicht darum, jeden mit jeder erdenklichen Ware zu versorgen. Beispielsweise könntest du der Ansicht sein, dass jeder ein Auto fahren möchte. Wenn wir – die globale Gesellschaft – nicht die Ressourcen haben, jedem ein Auto als Transportmittel zu gewähren, müssen wir zuerst prüfen, wie viele Menschen überhaupt solch ein Fahrzeug haben wollen. Dann müssen wir uns anschauen, was diese Menschen mit diesem Auto machen wollen: Wollen sie es zwei Monate im Jahr benutzen? Wollen sie es als Statussymbol besitzen? Möchten sie es fünf mal im Jahr für kurze Wochenendausflüge nutzen? Oder benötigen sie es für den täglichen Transport? Die Frage ist also eigentlich: „Wollen sie wirklich ein Auto besitzen, oder benötigen sie Zugriff auf individuellen, sicheren, verlässlichen, flexiblen, schnellen und komfortablen Transport?“

Letzteres zu arrangieren ist eine Frage der Organisation. Ziel ist es, aus der gesamten Menge an Bedürfnissen und Erwartungen – die sich weiterhin kontinuierlich verändern werden – ein Verkehrskonzept zu entwickeln. Dieses Verkehrskonzept würde zum Großteil darauf basieren, dass wir die Nutzung von allen uns zur Verfügung stehenden Transportmitteln (Fußwege, Fahrräder, Busse, Taxis, Autos, Züge, Helikopter, Flugzeuge, usw.) intelligent koordinieren, damit jedes Individuum zu jeder Zeit Zugang zu Transportmitteln ihrer bzw. seiner Wahl hat. Gleichzeitig sollten wir versuchen, denen ein Fahrzeug zur Verfügung zu stellen, die rund um die Uhr Zugriff darauf haben möchten. Somit könnten wir zuverlässige, nachhaltige Transportsysteme schaffen, welchen den persönlichen Bedürfnissen eines jeden Individuums optimal gerecht werden.

Wir müssen diese Herangehensweise, unsere Bedürfnisse zu hinterfragen, um verschiedene Interessen innerhalb von Gesellschaft zu koordinieren, auf einen Großteil unserer Gesellschaftssysteme anwenden. Nur so erreichen wir Zugriffsreichhaltigkeit (→ Umgang mit Ressourcenknappheit). Dazu müssen wir herausfinden, welche Bedürfnisse tatsächlich hinter unseren Wünschen und Vorstellungen stehen. Dies genauer herauszufinden, kann sehr positiv zur Befriedigung unserer Bedürfnisse beitragen. Je klarer wir uns unserer Bedürfnisse sind, desto direkter und nachhaltiger können wir sie befriedigen. Diese Art von Bewusstsein und diese Art unsere verschiedenen Bedürfnisse miteinander zu koordinieren, werden uns sehr viel effektiver zu Zufriedenheit und Glück führen, als wir es heute gewohnt sind. Alle Menschen sollten in die Lage versetzt werden, ihre Ziele zu erreichen und sich im Zuge dessen zum Glücklichsein entscheiden zu können.

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“Wenn eine Person die Möglichkeit hat, stellt sie sich über andere Menschen.”

Dies ist eine ziemlich akkurate Beobachtung in den heutigen Systemen. Da unsere momentanen Systeme mit der künstlichen Erschaffung und der Aufrechterhaltung von Knappheit funktionieren (→ Umgang mit Ressourcenknappheit), ist es eine logische Schlussfolgerung, dass ein Mensch diese Knappheit lieber auf andere abwälzen würde, als sie selbst zu erfahren. Knappheit erfahren bedeutet, “nicht in der Lage sein, seine Bedürfnisse so zu befriedigen, wie man dies gerne tun würde”. Und da alle Menschen nach Zufriedenheit streben (→ Grundlegende Verständnisse), sind wir alle darauf erpicht, unsere Ziele so effektiv wie möglich zu erreichen.

In gesellschaftlichen Organisationsformen, in denen die eigene Position in Hierarchien, Kasten und sozialen Ständen nicht notwendig ist, um persönliche Ziele zu erreichen, könnte es viel seltener vorkommen, dass Menschen einander zu dominieren versuchen. Selbst wenn es vorkommt, haben Individuen realisierbare Möglichkeiten, sich aus diesen abhängigen Beziehungen solch starrer organisatorischer Strukturen herauszulösen.

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„Geht es darum, Hierarchien abzuschaffen?
Ohne hierarchische Strukturen herrscht Chaos!“

Die Aufgabe, mit der sich die Menschheit konfrontiert sieht, ist nicht, sich von allen Arten hierarchischer Strukturen zu befreien. Es ist jedoch wichtig, Menschen vom (gesellschaftlichen) Druck zu befreien, sich Hierarchien unterwerfen zu müssen, um Zugang zu Ressourcen zu erlangen. Menschen sollten wählen können, ob sie Teil einer Hierarchie sein wollen, oder nicht. Sie sollten in die Lage versetzt werden, Hierarchien gemeinsam zu entwickeln oder sie zu verändern. Hierarchien, die eine Gruppe von Individuen für sich selbst entwickelt und gestaltet, werden meist von allen als hilfreich empfunden. Wenn es darum geht, ein gemeinsames Ziel zu erreichen, funktionieren Hierarchien, die selbst gewählten Kulturen des Miteinander entspringen, sehr viel effektiver und effizienter als starre, zugewiesene Hierarchiestrukturen.

Es geht also nicht darum, Hierarchien abzuschaffen, sondern darum, unsere Organisationsformen zu überdenken und miteinander neu zu gestalten.

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„Um solch eine Idee umzusetzen, müssen alle zustimmen.
Sobald eine Person nicht mitmachen will, wird und kann es nicht funktionieren.“

Solch eine Aussage entstammt unserem heutigen Demokratieverständnis. Dabei geht es darum, Entscheidungen zu treffen. Vor allem Entscheidungen zu treffen, die entweder zu „Wir machen das“ oder zu „Wir machen das nicht“ führen. Unsere Möglichkeiten sind aber weitaus vielfältiger, als uns zwischen „ja“ und „nein“ zu entscheiden. Es geht darum, aus den tausenden Lösungsmöglichkeiten jene zusammenzusetzen, die jedem Einzelnen und allen zusammen optimal bei der Befriedigung unserer Bedürfnisse unterstützen. Jede_r, der Lösungen für sich und andere finden will, macht dabei mit. Alle anderen eben nicht. Diese Freiheit sollte jede_r haben.

Wichtige Voraussetzung dafür ist, Menschen vom (gesellschaftlichen) Druck zu befreien, sich Hierarchien unterwerfen zu müssen, um Zugang zu Ressourcen zu erlangen. Solche Abhängigkeiten machen sie zu Mitläufern, denen es schwerfällt oder unmöglich ist, anderen Lösungswegen nachzugehen, die entgegen der Ansicht ihrer Anführer oder Vorgesetzten stehen.

Letztendlich ist die Frage ist nicht, ob alle mitmachen. Die Frage ist, welche Schritte wir unternehmen wollen, um Formen des Zusammenlebens zu entwickeln, in denen nicht mehr alle allem zustimmen müssen, damit es allen gut geht, sondern die vom Vertrauen und der Gewissheit geprägt sind, dass die Lösungen und Beschlüsse anderer der Befriedigung meiner Bedürfnisse nicht entgegen stehen.

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“Und wenn sich Menschen dagegen stellen? Was passiert mit denen?”

Menschen, die sich gegen etwas stellen, erfüllen sich damit Bedürfnisse. Welche das sind, ist individuell verschieden. In den meisten Fällen handeln sie aus der Angst heraus, dass ihnen das Vorhaben, gegen das sie sich stellen, das eigene Wohlergehen oder das ihrer Mitmenschen mindern wird. Deshalb ist es immer wichtig, diese Ängste ernst zu nehmen und ihnen empathisch zu begegnen, um auch hier gemeinsam Lösungen zu finden. Sollte Gewalt – ob psychisch oder physisch – Teil einer Auseinandersetzung werden, gilt es, alle Beteiligten zu schützen, mit dem Ziel, weiterhin dafür zu sorgen, dass der Dialog fortgesetzt werden kann.

Nur durch Kontakt kann man Klarheit darüber erlangen, wo Konflikte bestehen, was die Zielvorstellungen, Werte und Bedürfnisse von „Gegnern“ sind, und wie man daraufhin Lösungsvorschläge ableiten kann. Nur so kann ein Gegeneinander in ein friedliches Nebeneinander oder Miteinander gewandelt werden.

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“Man kann das nicht ändern. Das ist die Natur des Menschen!”

Diese Meinung wird häufig geäußert, wenn Menschen über Persönlichkeitsmerkmale an sich, oder Eigenschaften von bestimmten Menschen sprechen. Es ist jedoch nicht möglich, Schlussfolgerungen darüber zu schließen, was “unveränderbare menschliche Natur” ist und was nicht! Dass ein Individuum beispielsweise nicht weiß, wie er bzw. sie bestimmte Eigenschaften an sich ändert, bedeutet nicht, dass es unmöglich ist, diese zu ändern. Es bedeutet einfach nur, dass es diesem Individuum mit seinem gegenwärtigen Wissen zu dieser spezifischen Zeit nicht möglich ist.

Meistens ist es jedoch überhaupt nicht notwendig zu versuchen, menschliche Eigenschaften zu verändern. Es ist vielmehr notwendig, die Gegebenheiten zu verändern, die diese Individuen umgeben, sodass jegliche Verhaltensmuster des Individuums keine negativen Auswirkungen auf andere Individuen haben. Beispielsweise kann laute Musik und heftiges Herumtrampeln einer Person, die gerne ganze Nächte durchtanzt, ihre Nachbarn stark belästigen. Wenn diese Person nun aber die Möglichkeit hat, bei Nacht in einem Raum in ihrem Gemeinschaftszentrum zu tanzen, wird sie bzw. er vielleicht gar nichts an seiner nächtlichen Leidenschaft ändern müssen.

Noch wichtiger: Wird das Umfeld eines Individuums verändert, können Verhaltensweisen, die andere schädigen, sogar gänzlich verschwinden. Viele Menschen verhalten sich gemein, rücksichtslos, gehässig, aggressiv, oder grausam, weil sie sich verletzlich, bedroht, oder auf irgend eine Art unwohl in einer bestimmten (Lebens-) Situation fühlen. Sobald es nicht mehr notwendig ist, verletzende bzw. beleidigende Verhaltensweisen an den Tag zu legen, um etwas zu erreichen oder zu erhalten, ist es eventuell für das Individuum gar nicht mehr erstrebenswert, sich auf diese Weise zu verhalten.

Wenn die Gründe, die zu destruktivem Verhalten führen, verschwinden, entwickelt sich oft eine Neigung zu vorrangig friedvollen, nicht-aggressiven Verhaltensmustern. Dem ist so, da es viel angenehmer und gesünder ist, in Harmonie mit seiner Umgebung zu leben. Wenn Menschen eine Art Umfeld hinter sich lassen und in einem anderen leben, passen sie die Art, wie sie sich verhalten, im Laufe der Zeit dem neuen Umfeld an.

Wir sollten aufhören zu versuchen, einander zu verändern. Wir sollten eher versuchen zu verstehen, wie das Verhalten von Menschen mit den Umständen verkoppelt ist, die sie umgeben. Die Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen, machen es unnötig, die “Natur des Menschen” verändern zu wollen. Aus der Erkenntnis ergibt sich eher die Notwendigkeit, unser Miteinander und die Umwelten, in denen wir leben, zu gestalten. Diese Umwelten sollten Verhaltensweisen begünstigen und fördern, welche konstruktiv – oder zumindest nicht destruktiv – zum Ziel von Gesellschaft beitragen. (→Werte)

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“Menschen müssen kontrolliert werden, um sich nicht gegenseitig zu schaden.”

Menschen verhalten sich selten schädlich, wenn sie sich sicher, geborgen und frei fühlen und miteinander in einer Kultur leben, die von gegenseitiger Anerkennung und Unterstützung geprägt ist. Sie müssen also nicht kontrolliert werden. Die Umstände sorgen dafür, dass sie mit ihrer Umwelt in Harmonie leben können. Wenn wir wollen, dass Menschen weniger destruktives und „schädliches“ Verhalten zeigen, müssen wir sicher gehen, dass sie sich nicht dafür bedroht fühlen, wer sie sind, was sie mögen, wie sie leben, wen sie lieben, was sie denken, wie sie sich äußern, oder dafür, wie sie ihren Zielen folgen.

Wenn Kontrolle selbst gewählt ist, wird sie vom Individuum meist als hilfreich empfunden. Wenn sich Menschen jedoch einer Kontrolle ausgesetzt sehen, die sie weder verstehen noch nachvollziehen können, die sie auch nicht erwirkt haben oder sogar als Bedrohung empfinden, fühlen sie sich eingeengt, blockiert und machtlos. Daraus eventuell entstehende Wut und Aggression kann dann dazu führen, dass sie anderen schaden, gerade weil sie kontrolliert werden.

Selbstverständlich werden wir – die globale Gesellschaft – Menschen, die anderen Schaden zufügen, dies nicht einfach weiterhin tun lassen. Konfliktbeteiligte in gewaltvollen Auseinandersetzungen sollten dazu befähigt werden, ihren Konflikt gewaltfrei zu bewältigen. Diese Konflikte sollten begleitet werden. Es sollte sichergestellt werden, dass der Konfliktbewältigungsprozess Veränderungen herbeiführt, die zumindest ein friedliches Nebeneinander ermöglichen. Aber das bedeutet nicht, dass wir einander kontrollieren müssen.

Die Einhaltung von Regeln, die wir uns gemeinsam auferlegen, werden wir auch weiterhin sicherstellen (müssen). Ziel sollte es jedoch sein, dass wir diese Regeln gar nicht brauchen bzw. sie so sehr Teil des gesellschaftlichen Miteinanders werden, dass wir darauf vertrauen, dass sie eingehalten werden und somit nicht kontrolliert werden müssen.

Das Bestreben, andere zu kontrollieren, hat seinen Ursprung für gewöhnlich in irgendeiner Art von Angst. Dies sind meist Ängste wie:

  • „Andere könnten zerstören, was ich aufgebaut habe.“
  • „Sie werden mir Möglichkeiten oder Gegenstände wegnehmen.“
  • „Sie werden mich davon abhalten, meine Ziele zu verwirklichen”.

Angst kann sehr einschränkend sein. Zu versuchen, die Handlungen anderer zu kontrollieren, hat häufig den gegenteiligen Effekt davon, was ursprünglich gewollt war. Menschen, die versuchen, andere zu kontrollieren, werden sich wohl nie vollends frei fühlen. Wahrscheinlich werden sie immer das Gefühl haben, sich den Rücken freihalten zu müssen, was es sehr schwer macht, Freiheit zu genießen.

Es ist unnötig – und nicht wünschenswert – zu versuchen, das Verhalten von (Gruppen von) Individuen zu kontrollieren. Weil Angst oft durch uns unbekannte Situationen ausgelöst wird, die wir nicht einschätzen können, ist das Gegenteil notwendig: Wir müssen unsere Ängste dadurch überwinden, dass wir versuchen, das Unbekannte kennenzulernen. Wir müssen Informationen sammeln, indem wir mit den Situationen und Individuen, vor denen wir Angst haben, in Kontakt treten. Auf dieser Basis könnten wir kooperative Zusammengehörigkeit etablieren. Das hätte zur Folge, dass wir ohne Angst und daher ohne jegliches Bedürfnis nach Kontrolle miteinander leben könnten. Menschen müssen nicht kontrolliert werden. Menschen müssen befriedigt sein (sich sicher und geborgen fühlen, ein erfülltes Leben ihrer Wahl lebend), um Seite an Seite in Harmonie leben zu können.

— Fußnoten —

(A0) Zum Zwecke der Vereinfachung gehen wir an dieser Stelle nicht weiter auf jene Einflüsse ein, die vor der Empfängnis stattfinden (z.B. auf die natürliche Auslese als Teil der Evolution, die Entwicklungsgeschichte unserer Vorfahren, usw.).

(A1) Auf Grundlage des genetischen Codes werden im Körper Proteine zusammengesetzt. Während das Genom den Bauplan für einen Organismus darstellt, können Proteine als biologische „Maschinen“ gesehen werden, die die Anweisungen dieser Baupläne umsetzen. Sie decken eine weite Spanne an Funktionen innerhalb eines lebenden Organismus ab. Zum Beispiel zersetzen Proteine den mit der Nahrung aufgenommenen Zucker, damit ihn dein Körper in die Blutbahnen aufnehmen kann. Andere Proteine funktionieren als schützende Antikörper.

Proteine werden kontinuierlich in allen Zellen des menschlichen Körpers produziert. Zu Beginn dieses Produktionsprozesses lesen einige Proteine den genetischen Code aus. Sequenz für Sequenz tasten sie den genetischen Strang ab. Dennoch sind nicht alle Gensequenzen stets lesbar, da wiederum andere Proteine den Zugriff auf die Gensequenzen beeinflussen. Diese Proteine umschlingen den genetischen Code. Es gibt Auslöseimpulse der Umwelt, die dazu führen, dass sich diese Proteine zusammen ziehen und somit das Auslesen bestimmter Gensequenzen verhindern. Falls eine Gensequenz nicht gelesen werden kann, wird sie nicht umgesetzt. Dieser Mechanismus verändert also nicht die Gensequenzen an sich. Eher beeinflusst er, welche Teile des genetischen Codes exprimiert (umgesetzt) und welche unterdrückt werden. Die Wissenschaft der Epigenetik beschreibt die Mechanismen der Aktivierung und Deaktivierung von Gensequenzen.

(B1) Wir möchten an dieser Stelle kurz zur Maslowschen Bedrüfnishierarchie Stellung nehmen, da die Pyramiden-Grafik einer Vielzahl unserer Leser vertraut ist. Wir möchten von einer Unterteilung in Defizitbedürfnisse und Wachstumsbedürfnisse Abstand nehmen. Auch die Unterteilung in andere Kategorien von Bedürfnissen (z.B. Grundbedürfnisse, Existenzbedürfnisse, Luxusbedürfnisse, etc.) ist für unsere Zwecke in diesem Artikel unwesentlich. Für bestimmte Zwecke kann es nützlich sein, Bedürfnisse bestimmten Kategorien zuzuweisen. Jedoch sehen wir die Wertigkeiten von Bedürfnissen als höchst subjektiv. Aus unserer Sicht unterscheiden sich diese Wertigkeiten von Individuum zu Individuum, von Lebenssituation zu Lebenssituation. Für diesen Artikel ist es weder von Bedeutung, in welcher hierarchischen Reihenfolge welche Bedürfnisse im Individuum angeordnet sind, noch ist es von Bedeutung, ob diese Reihenfolge universell anwendbar ist.

(C1) Da Belohnungen und Bestrafungen Menschen unter Druck setzen und sie dazu bringen (können), ihren Fokus zu konzentrieren, können an Bedingungen geknüpfte Anreize einen eher begrenzenden Faktor beim Lösen von Problemen darstellen. Den Geist zu fokussieren wirkt oft der Fähigkeit entgegen, kognitiv Informationen zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nur wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben, aber dennoch zusammen gebracht werden müssen, um Lösungen abzuleiten.

— Zitate und Literaturhinweise —

[2] “Ein auf Leistung fokussierter Ansatz, der von einem “Wenn-Dann” Belohnungssystem gefördert wird, kann daher kontraproduktiv sein: Bei Menschen, die Belohnungen angeboten bekamen, um heuristische Aufgaben zu lösen, stellte sich schnell heraus, dass sie länger zum Lösen dieser brauchten. Der Fokus des Verstandes ist verengt und daher ist es schwerer für das Individuum, eine neue Funktionalität (oder Anwendung) für alte (oder lang bekannte) Objekte zu sehen. … All dies trifft für Aufgaben zu, die nicht algorithmisch sind und erhöhte rechte Hirnaktivität verlangen – flexibles Problemlösen, Einfallsreichtum oder konzeptionelles Verständnis. An Bedingungen geknüpfte Belohnungen können für diese Aufgaben gefährlich sein.” Daniel Pink

[3] – “Die bloße Anwesenheit von Zielen kann Mitarbeiter dazu bewegen, sich auf Kurzzeitgewinne zu fokussieren und die potenziell verheerenden Langzeitauswirkungen auf die Firma aus den Augen zu verlieren.” Harvard Business School

[4] – “Belohnungen machen abhängig in sofern, dass das Angebot einer bedingten Belohnung bewirkt, dass ein Auftragnehmer diese erwartet, wann immer eine ähnliche Aufgabe ansteht, was wiederum den Auftraggeber dazu zwingt, wieder und wieder Belohnungen zu nutzen.” Anton Suvorov

[4] – “Und in Kürze reicht die existierende Belohnung nicht mehr aus. Diese wird sich bald weniger wie ein Bonus anfühlen und mehr zum Status Quo werden – was den Auftraggeber dann dazu zwingt, größere Belohnungen anzubieten, um die selben Effekte zu erzielen.” Dankiel Pink

[5] – “Ziele, die sich Menschen selbst setzen und die darauf hinzielen, eine Tätigkeit oder Sache zu meistern, sind normalerweise gesund.” Daniel Pink

[5] – Absatz frei adaptiert von Daniel Pink


Weiteres Informationsmaterial gibt es auf unseren Linkseiten (→ Links zu “Menschliches Verhalten”).

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